Ermitage

Die Ermitage ist der grösste Englische Landschaftsgarten in der Schweiz. Ihre Geschichte ist abenteuerlich: Als Auswirkung der Französischen Revolution wurde die Ermitage zerstört und zog keine Besucherinnen und Besucher mehr an. Dennoch gelang später ein Wiederaufbau und so ist uns ein Schmuckstück des Gartenbaus bis heute erhalten geblieben.



Ein Englisch-Chinesischer Landschaftsgarten in Arlesheim

Der Englische Garten, der im 18. Jh. auf der Insel entstand, stiess bald auch auf dem europäischen Festland auf Begeisterung und wurde dort eifrig imitiert. Die kontinentaleuropäische Variante übernahm dessen Naturverständnis, wonach die Natur mit ihren Unregelmässigkeiten und Einzigartigkeiten als kunstvoll galt. Der Garten sollte Natur darstellen, ohne selbst Natur zu sein – denn menschliches Zurechtmachen ist bei Gärten nicht wegzudenken. Die Ermitage ist nicht eindeutig einem Gartentyp zuzuordnen, weist aber die grösste Übereinstimmung mit dem sogenannten Englisch-Chinesischen Garten auf. Die Grundidee dieses Gartentyps möchte bei den Besucherinnen und Besuchern verschiedene gegensätzliche Stimmungen in rascher Abfolge hervorrufen. Dabei können drei Grundstimmungen unterschieden werden: heiter, erschreckend, romantisch. Ein vorgegebener Rundgang stellt sicher, dass die gewünschten Effekte in der richtigen Reihenfolge erzielt werden.

Ausgleich zur Zivilisation

Mit Täuschungen und Überraschungen werden die Phantasie und Vorstellungskraft der Besucherinnen und Besucher angeregt. So befand sich in der Ermitage beispielsweise ein Holzstapel, der sich aber bei näherer Betrachtung als Tür entpuppte und hinter dieser befand sich ein Aufstieg zu einem Aussichtspunkt. Von keiner Stelle des Gartens lässt sich die gesamte Anlage überblicken. Dadurch erscheint die Anlage grösser als sie ist. Die Kombination dieser Elemente schafft einen Raum, in dem der Mensch seiner sozialen Rolle, dem Alltagsleben, der Zivilisation entfliehen und «sich selbst» sein kann. Für dieses Ideal steht auch der Eremit, der von der Zivilisation unverdorben ist. Im Vergleich zu anderen Gärten lebte in der Arlesheimer Ermitage nie ein angestellter Eremit. In einer der Grotten befand sich jedoch eine Waldbruderfigur, welche nach gegebener Spende mit dem Kopf nickte.

Beschaulichkeit: Grotten und Denkmäler

Im Übrigen sind die Grotten besondere Sehenswürdigkeiten der Ermitage. Die Gessner-Grotte kann heute noch besucht werden. Sie ist dem Dichter Salomon Gessner zugeeignet, der mit seinen Idyllen sinnbildlich für das Projekt der Ermitage stand. Die Proserpinagrotte ist heute nicht mehr zugänglich. Sie enthält ein Denkmal für die Erbauerin Balbina von Andlau.

Geschichte der Ermitage

Die Geschichte der Ermitage lässt sich in drei Phasen unterteilen: Die erste Phase beginnt mit der Eröffnung im Jahre 1785 und dauert bis zur Französischen Revolution und den französischen Einmarsch. Die zweite bezeichnet die Zeit während der Revolution und der Besetzung. Die dritte schliesslich umfasst die Zeit nach der französischen Herrschaft. Erbaut wurde die Ermitage durch die Landvögtin Balbina von Andlau und ihrem Cousin, Domherr Heinrich von Ligertz nach dem Vorbild des englisch-chinesischen Landschaftsgartens. Neben diesen beiden waren noch Pierre-François Pâris als Erbauer und Fürstbischof von Roggenbach, der das Areal zur Verfügung stellte, für dessen Errichtung verantwortlich. Am 28. Juni 1785 wurde der Garten eröffnet. Dem Trend der Aufklärung folgend war die Anlage von Anfang an öffentlich zugänglich. Mit der Eröffnung war der Gartenbau aber keineswegs abgeschlossen: Der Landschaftsgarten wurde laufend verändert und erweitert. Mit dem steten Umbau wurden auch die Attraktionen angepasst: Was wenig zu überzeugen wusste, wurde nach Möglichkeit verbessert.

Attraktion vor den Toren der Stadt

Der Garten erlangte schon bald internationale Berühmtheit und wurde zur Touristenattraktion. In Gästebüchern der Ermitage haben sich Besucherinnen und Besucher aus Russland, den USA und der Türkei eingeschrieben. Die anfänglich stets wachsenden Besucherzahlen, erfuhren durch die Französische Revolution einen abrupten Rückgang. Die Ermitage wurde nach der Eroberung Arlesheims durch die Franzosen im Jahre 1793 zerstört. Ihre Eigentümer ergriffen allesamt die Flucht. Die Ausbaupläne konnten erst umgesetzt werden als Conrad von Adlau die Ruine Birseck erwarb und sie im Jahre 1811 unter der Leitung Heinrich von Ligertz’ wieder aufbaute. In der neuen Anlage zeigt sich ein anderer Zeitgeist. Die vormals aufklärerisch-moderne Ausstattung erhielt eine stärker katholische Prägung durch den Bau einer Kapelle und das Aufstellen von Kreuzen; auch der mechanische Waldbruder wurde verändert. Er erschien fortan mehr als Frommer denn als Naturmensch. Nach einem Erbgang wurde die Ermitage im Jahre 1844 schliesslich zusammen mit weiteren Gütern der Besitzerfamilie an zwei Spekulanten aus Basel verkauft.

Die Ermitage heute

Die Ermitage ging 1997 dank einer Schenkung in den Besitz der Gemeinde Arlesheim über und wurde 1999 in die Liste der geschützten Kulturobjekte des Kantons Baselland aufgenommen. Bezüglich der Erhaltung stellen sich allerdings mehrere Probleme. So geben internationale Richtlinien – die Chartae von Venedig und Florenz – zwar einen Leitfaden an die Hand, wie historische Gärten zu erhalten sind; diese wurden aber im Falle der Ermitage nur wenig beachtet. Die Gründe dafür sind unter anderem auch darin zu sehen, dass eine für die angemessene Restaurierung eminent wichtige historische Untersuchung des Gartens erst seit 2008 vorliegt. Die Ermitage und das bewaldetet Tal mit seinen Weihern sind heute ein vielbesuchtes Naherholungsgebiet, in dem sich die Gartenanlage und die sorgfältig geförderte Natur entdecken lassen.

DK / MS

Karten

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Weiterführende Links

Literatur

  • Von Buttlar Adrian: Der Landschaftsgarten, München 1980.
  • Enge Torsten Olaf und Schröer Carl Friedrich: Gartenkunst in Europa 1450-1800. Vom Villengarten der italienischen Renaissance bis zum englischen Landschaftsgarten. Köln, 1994.
  • Frei-Heitz Brigitte: «Die Kunst folgt mit reinem Geschmacke den Winken, welche die Natur zur Verschönerung darbiethet». In: Landschaften & Menschen im Baselbiet, Baselbieter Heimatbuch 29, Verlag Basel-Landschaft, Liestal 2013, S. 157-164.
  • Heyer Hans-Rudolf: Die Ermitage in Arlesheim, Bern, 2000.
  • Hug Vanja: Die Ermitage in Arlesheim. Ein Englisch-Chinesischer Landschaftsgarten der Spätaufklärung, 2 Bde. , Worms, 2008.
  • Lüthi Roland: Ermitage und Umgebung, Arlesheim. Exkursionsführer durch Naturschutzgebiete des Kantons Basel-Landschaft, Heft 8, (Hrsg.) Kanton Basel-Landschaft, Liestal, 2006.
  • Weilacher Udo und Wullschleger Peter: Landschaftsarchitekturführer Schweiz. Hrsg. BSLA u. a., Basel – Berlin – Boston, 2002.
  • Von Zuylen Gabrielle: « Planter des Tableaux: Le jardin anglais», in: Tous les jardins du monde, Paris, 1994.