St. Chrischona

Die Chrischonalegende prägt den südwestlichen Ausläufer des Dinkelbergs als christlichen Wallfahrtsort in der Vorreformationszeit und als Zentrum der pietistischen Pilgermission in der Neuzeit. Als höchster Punkt des Kantons Basel-Stadt wird die Südwestspitze des Dinkelberges mit seinem Aussichtspunkt oft als Ausflugsziel gewählt.



Lage und Name

Die Chrischona ist der südwestlichste Ausläufer des Dinkelbergs, der im Osten und Norden durch das Wiesental und im Süden durch die Hochrheinebene begrenzt ist. Der höchste Punkt im Stadtkanton liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Bettingen auf 522 m ü. M. und ist der einzige Ort im Stadtkanton, von dem aus bei klarer Sicht die Alpen zu sehen sind.
Auf ersten bildlichen Darstellungen im 14. Jh. lässt sich der Name «Sant Kristianen» ablesen. Der Name leitet sich ab von einer Legende einer Heiligen Christina oder Christiana. Wie sich der Name zu Chrischona entwickelt hat, ist nicht erforscht. Die Legende lässt sich nicht in Beziehung zu einer realen Person setzen.

Eine Legende, religiöse Bewegungen und Bautätigkeit

Die Legendenbildung machte die Chrischona schon früh zu einem speziellen Ort. Anders als auf anderen Hügeln in der Region führte die Chrischonalegende im Mittelalter zum Bau einer Kirche, die mehrfach umgebaut und vergrössert wurde. Im 19. Jh. kamen die Bauten der Pilgermission dazu. Im 20. Jh. wurde die Pilgermission zu einem pietistischen Kongresszentrum ausgebaut. Ohne die Chrischonalegende wäre die Südwestspitze des Dinkelbergs heute vielleicht ein Einfamilienhaus- oder Villenquartier an bester Lage.

Die Chrischona und archäologische Befunde

Schon im frühen Mittelalter ist der südwestliche Ausläufer des Dinkelbergs als Begräbnisstätte bezeugt. Die Grabung der Archäologischen Bodenforschung von 1974/75 belegt ein Plattengrab, das archäologisch etwa auf das Ende des 7. Jh. datierbar ist. Die frühmittelalterliche Kirche ist auf dieses Plattengrab ausgerichtet. Später, vermutlich im 9. Jh.,umfasste ein runder Chorabschluss das Plattengrab und integrierte dieses in die Kirche.
Etwa im 10. Jh. trat ein romanischer Neubau an Stelle des frühmittelalterlichen Gebäudes. In diesem Zeithorizont wurden Bestattungen nachgewiesen. Zwischen dem 11. und dem 13. Jh. erhielt diese Kirche ein verlängertes Kirchenschiff und ein Portal.
Ein Turm lässt sich erst für das 15. Jh. nachweisen, obwohl die auf 1330/40 datierte bildliche Darstellung «Die alte und erste Stat Basel» die «Sant Kristianen», eine Kirche mit Turm, zeigt. Um 1340 wurde der romanische Chor durch einen gotischen Polygonalchor ersetzt und um die Mitte des 15. Jh. die Vorhalle zum Turm umgestaltet, der in seinen Dimensionen noch heute steht. Für die Existenz des Turms ab dieser Zeit spricht auch, dass die Bettinger 1465 eine grosse Glocke stifteten.
Man kann sich für die Zeit um 1500 also eine Kirche vorstellen, die die Breite des heutigen Turms und ungefähr die halbe Grundfläche der heutigen Kirche aufweist.

St. Chrischona Legende

Eine Legende, die eine Christiana als eine der elftausend Jungfrauen nennt, die der heiligen Jungfrau Ursula von Rom nach Köln gefolgt sind, muss schon Ende des 13. Jh. bekannt gewesen sein. Kern dieser Geschichte bildete die Reise einer Frauengruppe mit dem Schiff auf dem Rhein. Eine Christiana, von der Reise erschöpft, stieg bei Grenzach an Land, wo sie starb. Sie wurde dieser Legende zufolge auf einen Ochsenwagen gehoben und von den Tieren ohne Führung von Menschen auf die Südwestspitze des Dinkelbergs gezogen, wo die Tiere stillstanden. Diesen Stoff nahm der Humanist Sebastian Brant 1494/98 in seinem Gedicht über das «Grab der glücklichen Christiane nahe Basel» auf.
1504 besuchte ein hoher römischer Geistlicher, der im Ruf stand, überall Heiligenreliquien zu finden, die Region, wo ihm die Geschichte der Chirstiana zugetragen wurde, worauf dieser Geistliche in der Chrischonakirche eine Grabung veranlasste und Gebeine fand. Eine offizielle Heiligsprechung der Chrischona durch die katholische Kirche kam aber nie zustande, obwohl sich der obengenannte Kardinallegat dafür einsetzte. Doch auch ohne Heiligsprechung hält sich das «Sankt» im Sprachgebrauch bis heute.

Die Kunde von der «Auffindung» einer Heiligen führte zu einer regen Bautätigkeit. Die Chrischonakirche erhielt zuerst einen neuen, grösseren spätgotischen Chor, der um 1509 fertiggestellt war. Vermutlich wurde die Kirche bald nach dem Kauf durch Basel von einer Mauer umfasst und die Besitzansprüche mit einem Basler Wappen über dem Tor zum Wiesental klar ausgewiesen. Das verbreiterte Kirchenschiff, das den Turm umfasste, wurde 1516 fertiggestellt.
Die Wallfahrten zur Kirche auf der Chrischona, die im 15. Jh. einen starken Aufschwung genommen hatten, kamen 1528 zum Erliegen, als der Rat von Basel auch in den Landgemeinden Riehen und Bettingen die Reformation vollzog und die katholische Messe untersagte. Für die Einwohner von Bettingen war die Chrischona ungeachtet dessen während J ein Friedhofsgelände, auf dem sie ihre Toten beerdigten. Hier feierten sie auch jährlich einen Ostergottesdienst.

Auch die Chrischonalegende ist einer steten Weiterentwicklung unterworfen. Seit der Dichtung des Humanisten Brant vor rund 500 Jahren ist die sie eine Dreierverbindung mit den Hügelheiligen Margarethe (Binningen) und Ottilie (Tüllinger Hügel) eingegangen. Eine Legende verbindet sie mit der Ursula-Legende der Elftausend Jungfrauen, eine andere macht sie zu Schwestern und Töchtern eines Pfeffinger Grafen, doch sind diese Legenden jüngeren Datums und deren Rückprojektion auf keltische Ursprünge sind eher spekulativ.

Pilgermission und Bautätigkeit

Nach einer langen Phase des Zerfalls und von Zerstörungen während des Dreissigjährigen Krieges wurde die Kirche durch die Initiative Christian Friedrich Spittlers um 1840 instand gestellt. Spittler mietete die Kirche von der Stadt und gründete 1840 die Pilgermission, deren Ziel die religiöse Ausbildung von Handwerkern und deren Missionstätigkeit war. Die Chrischona entwickelte sich zu einem spirituellen Brennpunkt des religiösen Basel. Spittlers Projekt war ein Erfolg, der wie um 1500 eine rege Bautätigkeit auslöste. Erwähnt seien hier nur das Kirchheim, ein Haus, das als Restaurant in Basel 1863 abgebrochen wurde und östlich der Kirche wiederaufgebaut wurde, die alte Landwirtschaft, die Eben-Ezer-Halle und das Haus zu den Bergen, die alle gegen Ende des 19. Jh. gebaut wurden, und in jüngster Zeit das Chrischona-Zentrum von 1992.
Die ausgebildeten Missionshandwerker wurden schon früh in die USA, nach Jerusalem und nach Äthiopien geschickt, was der Chrischona im 19. Jh. die (spöttischen) Übernamen «Berg Zion» und «holy mountain» einbrachte. Ende des 20. Jh. wurde die theologische Schule durch die englische Universität von Middlesex akkreditiert, was dem pietistischen Zentrum zusätzliche internationale Ausstrahlung brachte.
Zwar hat die Pilgermission rege gebaut, doch ist der Aussichtspunkt erhalten geblieben und die Hänge unterhalb der Kirche werden landwirtschaftlich genutzt. Hier hat Chrischona zumindest eine Einfamilienhaussiedlung verhindert.

Panoramenmaler und Funkübertragung

Auch für Panoramenmaler war der erhöhte Standort über Basel attraktiv. Folgende Maler dokumentierten die Aussicht über den Jura und die Alpen: Samuel Birmann 1812, Heinrich Kölner 1823, Georg Hoffmann 1845, Anton Winterlin ebenfalls 1845 und nochmals 1871 und schliesslich Peter Schmid-Ruosch 1986.

Die Chrischona ist Standort eines Funk- und Fernsehturms, der die Landschaft dominiert. In seiner dritten Ausbaustufe seit 1983 ist der Turm mit 250 Metern Höhe das höchste freistehende Gebäude der Schweiz und dient auch als Wasserturm der Gemeinde Bettingen. Seit Jahren ist die Chrischona aber auch ein beliebtes Ausflugsziel, besonders für Primarschulklassen, die ihr erster ganztägiger Ausflug oftmals hierhin führt.

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Karten

Verwandte Themen

Weiterführende Links

  • St. Chrischona Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung, ISOS Ortsbild (pdf)

Literatur

  • Brodtbeck Thomas: Vegetationsskizzen an der Dinkelberg-Südwestecke, in: Bauhinia, Bd. 11, Heft 4, Basel 1996, S. 287-305.
  • Hauber Lukas: Kurze geologische Geschichte von Riehen und Bettingen, Basel 1970.
  • Küry Daniel: Feuersalamander und Quelljungfern im Gebiet um St. Chrischona: der Schutz bedrohter Bewohner unserer Bäche, in: Z'Rieche, Jg. 33, Riehen1993, S. 139-149.
  • Moosbrugger-Leu Rudolf: Die Chrischonakirche von Bettingen: archäologische Untersuchungen und baugeschichtliche Auswertung. Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt, Basel 1985.
  • Schär Werner: St. Chischona und Himmelspforte, Riehener Zeitung, Riehen 1966.
  • Schweizer-Völker Edith: Mythische Orte am Oberrhein: faszinierende Frauen-Kultstätten im Dreiland, in: Jahresbericht, Freunde des Klingentalmuseums, Basel 2007, S. 23-29.
  • Schweizer-Völker Edith: Drei-Frauen-Kultplätze rund um Basel, in: Akzént: Basler Regiomagazin, Nr. 3, Basel 2005, S. 12-15.
  • Signori Gabriela: Humanisten, Heilige, Gebeine, Kirchenbücher und Legenden erzählende Bauern: zur Geschichte der vorreformatorischen Heiligen- und Reliquienverehrung, in: Zeitschrift für historische Forschung, Bd. 26, H. 2, Duncker und Humblot, Berlin 1999, S. 203-244.

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