Chilpen

Das östlich von Diegten gelegene, rund 30 Hektar grosse Gebiet ist aufgrund seiner einzigartigen Flora ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Die Vegetation besteht aus einem stark aufgelockerten Föhrenbestand, der in einem nährstoffarmen und tonreichen Boden wurzelt. Zwischen den Föhren hat sich ein wechselfeuchter Magerrasen entwickelt – Lebensraum vieler seltener Tiere und Pflanzen.



Waldweide auf wechselfeuchtem Boden

Das Gebiet Chilpen wurde bereits im Mittelalter als Waldweide genutzt und konnte seinen speziellen Charakter bis heute bewahren. Gezielte Pflegeeingriffe seitens des Kantons erhalten die halboffene Waldstruktur und verhindern die Entwicklung zu einem dichten Wald. Ausschlaggebend für den Artenreichtum ist die krümelige, ton- und kalkreiche Bodenstruktur aus Mergel. Der Boden vernässt bei Niederschlag rasch. In trockenen und wärmeren Phasen trocknet er aus und wird rissig. Aufgrund dieser speziellen Bedingungen gedeihen Trockenrasen- und Sumpfpflanzen unmittelbar nebeneinander.

Einmaliger Orchideenreichtum

In den Magerrasen herrscht das an wechselfeuchte Verhältnisse gut angepasste Strand-Pfeifengras (Molinia arundinacea) vor, das im Herbst schon von weitem an seiner rotbraunen Färbung zu erkennen ist. Zudem beherbergt das Gebiet 22 verschiedene Orchideenarten. So kommen alle vier in der Schweiz vertretenen Ragwurzarten vor: Spinnen-Ragwurz (Ophrys sphegodes), Fliegen-Ragwurz (O. insectifera), Bienen-Ragwurz (O. apifera) und Hummel-Ragwurz (O. holosericea). Die Purpurorchis (Orchis pupurea) und die bereits genannte Spinnen-Ragwurz kommen im Baselbiet einzig im Naturschutzgebiet Chilpen vor.

Besondere Straucharten

Als besondere Straucharten sind der Gemeine Wacholder (Juniperus communis), die wilde Berberitze (Berberis vulgaris) und die Filzige Steinmispel (Cotoneaster tomentosa) vertreten. Der Wacholder gehört zu den Nadelgehölzen, dessen abstehende graugrüne Nadeln ein bis zwei Zentimeter lang sind. Das Holz des Wacholders ist harzfrei, zäh, weich, elastisch, faserig und dauerhaft. Er bildet kugelförmige «Beeren», die als Gewürz Verwendung finden. Aus botanischer Sicht handelt es sich aber um Zapfen, denn Nadelhölzer bilden als Nacktsamer keine Früchte! Nach zwei bis drei Jahren sind die Zapfen reif. In diesem Stadium sind sie fleischig, schwarzblau und erhalten einen wachsähnlichen Überzug. Wacholder und Berberitze kommen regelmässig in Weiden vor. Mit ihren Nadeln und ihren Dornen sind sie gut geschützt vor Frass durch das Weidevieh.

Faszinierende Tierwelt

Unter den Kleintieren sind einige unscheinbare Besonderheiten ganz speziell hervorzuheben. Die Bergzikade ist mit den beiden Arten Cicadetta montana und C. cerdaniensis vertreten. Sie wurden im Chilpen erst nach 2003 entdeckt und finden im lichten Föhrenwald des Naturschutzgebietes ideale Lebensräume. Bergzikaden gehören zu den in der Schweiz seltenen Singzikaden. Im Gegensatz zu den laut zirpenden Arten der mediterranen Länder, erzeugen diese Arten nur ein feines Summen (sssssssst sssssssst sssssssst). Die Bergzikaden erreichen eine Körperlänge von zwei Zentimetern und eine Flügelspannweite von fünf Zentimetern.

Die Fliegen-Ragwurz ist mit ihrem Blütenbau auf die Bestäubung durch Grabwespen angewiesen, vor allem durch die Art Argogorytes mystaceus . Die Männchen dieser Art werden durch den Blütenbau und die von der Orchidee ausgesendeten Sexualhormone angelockt. Aufgrund des Duftes und der insektenähnlichen Blütenlippe gehen sie davon aus, dass es sich um ein Weibchen ihrer Art handelt. Sie versuchen deshalb mit der Blütenlippe zu kopulieren und erhalten im Gegenzug Pollinien (Pollenbehälter) auf die Stirn geklebt. Diese Pollenkölbchen trägt das Grabwespenmännchen zur nächsten Blüte, wenn sie wieder versucht, ein vermeintliches Weibchen zu begatten. Dabei werden die Pollenkörner auf die Narbe der Orchidee übertragen.

Schutz von Orchideen und Tagfaltern

Die Schutzverordnung bewahrt das Gebiet vor grösseren Eingriffen oder einer Überbauung. Viele Naturschutzgebiete mit Kulturbiotopen benötigen jedoch eine optimal abgestimmte Pflege, wenn ihre Vielfalt erhalten bleiben soll. Diese wird hier in enger Zusammenarbeit zwischen der Kantonalen Verwaltung und Pro Natur Baselland ausgeführt. In regelmässigen Abständen werden die Pflegepläne geprüft und angepasst.

Besucher sind im Gebiet Chilpen willkommen. Durch das Naturschutzgebiet führt ein Wanderweg, der nicht verlassen werden soll. Von Mitte Mai bis Mitte Juni steigt der Druck durch Orchideenfans, die auf der Jagd nach blühenden «Modellen» die Vegetation um ihre Zielobjekte niedertreten.

Bemerkenswert im Chilpen sind auch die Tagfalter. So sind in dem Gebiet über 40 Arten nachgewiesen worden, die sich mehrheitlich in den Magerrasen und zum kleineren Teil in den Gebüschkomplexen entwickeln. Zu ihrer Förderung müssen Magerrasen vor Verbuschung geschützt und ihre Fläche ausgedehnt werden. Zur Aufstockung der Tagfalterbestände werden in unmittelbarer Umgebung des Reservats weitere Magerrasen angelegt.

DK / CE

Karten

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Weiterführende Links

Literatur

  • Lüthi Roland und Artmann-Graf Georg: Diegtertal zwischen Chilpen und Tenniker Flue, Exkursionsführer durch Naturschutzgebiete des Kantons Basel-Landschaft, Heft 7, Liestal 2005.