Natur im Wandel der Zeit

Auch wenn es erst bei genauerem Hinsehen erkennbar wird – die Natur ist äusserst dynamisch und entwickelt sich im Laufe der Zeit stetig. Bereits bevor der Mensch aufgetaucht ist, war die stetige Veränderung ein zentrales Lebensprinzip. Das Wirken des Menschen hat zusätzliche Veränderungen gebracht, die mit der Naturentwicklung oft nicht im Einklang stehen. Deshalb beschäftigt sich beispielsweise der Naturschutz mit Fragen des Wandels. Naturschutz soll demnach nicht nur das Bestehende erhalten, sondern auch die Wandlungsfähigkeit der Natur fördern.



Wandel als Prinzip in der Natur

Dank dem Blütenstaub und den Pflanzensporen, die sich in den Mooren ablagern, ist die Entwicklung der Vegetation und Landschaft seit dem Ende der Eiszeiten gut bekannt. Als Folge klimatischer Veränderungen wurde die Tundravegetation, die am Ende der Eiszeiten entstanden ist, in mehreren Schritten von Nadelwäldern und später von wärmeliebenden Eichen-Laubwäldern abgelöst. Aus der Verteilung dieser Pflanzenreste ist zum Beispiel auch ablesbar, wann der Mensch mit dem Anbau von Getreide begonnen hat. In einem Zeitraum von Jahrtausenden haben sich also Natur und Landschaft stark gewandelt. Seit der Mensch in Mitteleuropa sesshaft geworden ist, hat auch er mehr oder weniger zu diesem Wandel beigetragen.

Treibende Kräfte des Wandels

Als Antrieb der Veränderungen der Natur wird heute ein vielschichtiges System betrachtet. Wichtig ist dafür das Klima mit seinen natürlichen Schwankungen und seinem beträchtlich steigenden Anteil menschgemachter Einflüsse. Bereits in vorgeschichtlicher Zeit wurden in Europa die Wälder grossflächig gerodet. Seit der Römerzeit wird Wasser über grosse Distanzen zum Verwendungsort transportiert und damit der Wasserhaushalt in der Landschaft beeinflusst. Die Industrialisierung im 19. Jh. war der Motor für viele Grossprojekte wie das Trockenlegen von Sumpfgebieten, die Korrektion von Flüssen oder Rodungen von Wäldern im Kahlschlagverfahren.

Landmarken des Wandels im Landwirtschaftsgebiet

In der Region Basel sind an vielen Orten Zeitzeugen dieses Landschaftswandels sichtbar. Dort wo noch Reste der traditionellen Kulturlandschaft erhalten geblieben sind, werden die Veränderungen erkennbar. Blumenreiche Magerwiesen sind Zeugen einer extensiven Landwirtschaft mit nur minimalem Düngereinsatz, die nur auf wenigen flachgründigen Böden an Südhängen überdauern konnten. Durch den Einsatz von Düngern und Pestiziden entstanden die «Kulturwüsten» der Intensivlandwirtschaft. Die ehemals weit verbreitete Dreifelderwirtschaft mit ihren vielfältigen Brachflächen wird heute nur noch ansatzweise auf ökologischen Ausgleichsflächen praktiziert.

Wandel der Flusslandschaften

Angetrieben durch grosse Ernteverluste und Hungersnöte fand im 19. Jh. in ganz Mitteleuropa eine Korrektion der Flüsse statt. Einerseits wurde damit mehr Landwirtschaftsfläche gewonnen, andererseits veränderte dies den Verlauf der natürlichen Gewässer stark, und als Folge sind die Reste der früheren Auengebiete mit ihrer typischen Tier- und Pflanzenwelt verschwunden. Das Hochwasser wurde möglichst rasch abgeleitet, was weitere unbeabsichtigte Folgen hatte: Überschwemmungen wurden auf die untenliegenden Strecken verlagert. Heute wird versucht, einen Teil der früheren Korrektionen durch Gewässerrevitalisierung wieder rückgängig zu machen. Das Hochwasser-Rückhaltevermögen der Flüsse wird wieder verbessert, und es entstehen naturnahe Lebensräume.

Siedlungen und Verkehrswege zerstückeln Lebensräume

Die Agglomerationen in den Talsohlen sind heute fast lückenlos mit Siedlungen und Verkehrswegen verbaut. Für viele Tiere und Pflanzen ist es mittlerweile schwierig geworden, selbst kürzere Distanzen in ihren Lebensräumen zu überwinden. Arten mit einem grossen Flächenanspruch geraten in Schwierigkeiten und sterben lokal aus. Sie ziehen sich zunehmend aus den Agglomerationen in abgelegene ländliche Gebiete zurück.

Wandel der Arten und Lebensgemeinschaften

Viele wildlebende Tier- und Pflanzenarten sind als Folge der genannten Landschaftsveränderungen lokal ausgestorben oder verdrängt worden. Daneben hat sich auch bei den Nutzpflanzen und –tieren ein lange Zeit nicht bemerkter Wandel vollzogen. Durch einseitige Züchtung wurden die Nutzrassen zwar grösser und brachten mehr Ertrag, gleichzeitig wurden sie aber auch empfindlicher gegenüber Krankheit und erforderten einen höheren Aufwand beim Anbau respektive bei der Betreuung.

Wandel zu mehr Natur?

Viele Menschen sind sich heute die Verarmung der Natur als Folge des Wandels der Landschaft bewusst. Landwirtschaftsflächen wie Magerrasen, Rebgebiete oder Obstgärten wurden als wichtige Lebensräume für seltene und gefährdete Tiere und Pflanzen erkannt. Mit gesetzlichen Verpflichtungen und finanziellen Beiträgen an Landwirte werden solche Lebensräume gezielt gefördert. Seit mehr als 100 Jahren wird der Wald in der Schweiz nachhaltig bewirtschaftet. Er dient heute gleichzeitig der Holzproduktion, dem Schutz vor Lawinen, Steinschlag und Erosion, der Förderung der Natur und der Erholung der Bevölkerung. Landschaftsräume, die durch Verkehrswege zerschnitten wurden, werden mit Hilfe von Kleintiertunnels oder grünen Brücken verbunden. Organisationen wie die Stiftung Pro Specie Rara setzen sich für den Erhalt alter Kulturpflanzen und Nutztierrassen ein. Mit ihnen wird auch das über lange Zeit regional angepasste Erbgut als Reservoir eines zukünftigen Wandels der Nutzpflanzen und –tiere erhalten.

Importierter Wandel

Als Folge des weltweiten Handels und Tourismus gelangen in zunehmendem Ausmass Tiere und Pflanzen absichtlich oder als blinde Passagiere nach Europa. Manche Neulinge beginnen, ihre neue Heimat zu erobern. Diese sogenannten Neophyten und Neozoen sind meist sehr tolerant und anpassungsfähig. Dadurch können sie einheimische Arten verdrängen. Wird die Landschaft durch invasive Neuankömmlinge vollständig umgekrempelt? Welches sind die langfristigen Folgen für die Natur? Fragen, über die im Moment nur spekuliert werden kann.

DK

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