Wolf

Der Wolf ist neben dem Bären und dem Luchs das dritte einheimische Grossraubtier, das im 19. Jh. ausgerottet wurde. Einzelne Wölfe wanderten zwar hie und da im 20. Jh. aus dem Süden ein. Doch erst in den letzten Jahren, da die Wolfspopulationen in unseren Nachbarländern Italien und Frankreich anwachsen, sind wieder häufiger eingewanderte Tiere beobachtet worden. Auch in Zukunft ist damit zu rechnen, dass vermehrt Wölfe in der Schweiz anzutreffen sind.



Der Ahnherr des Hundes

Der Wolf galt in der Antike als Gespenstertier. Wer ihm ins Antlitz sah, verlor die Sprache. Heute verschlägt es uns die Sprache angesichts der Vielfalt der Hunderassen, die aus dem Wolf gezüchtet worden ist. Es ist ein heiterer Zeitvertreib, während des Sonntagsspaziergangs die vielgestaltigen, teils putzigen, teils furchterregenden Haushunde zu bestaunen, die in Wiesen, an Waldrändern, an und von der Leine ihr Wesen treiben. Bei kaum einer andern Tierart haben sich der menschliche Einfallsreichtum und die Duldsamkeit der Natur zu einem derart ausschweifenden Formenreichtum kumuliert wie bei der Verwandlung des Canis lupus zum Canis lupus familiaris mit all seinen Rassen. Die Fédération Cynologique Internationale anerkennt gut 350 Hunderassen. Nimmt man all die Mischungen dazu, so scheinen der Vielfalt keine Grenzen gesetzt zu sein.

Ungeliebt bis zur Ausrottung

Obwohl durch Züchtungen verschiedenartigste Formen vom Wolf abgeleitet wurden, blieb er selbst ein scheues Raubtier und auf Distanz zum Menschen. Der Wolf ist mit einer Schulterhöhe von etwa 70–90 Zentimeter etwas grösser als der Deutsche Schäferhund. Unter vom Menschen wenig gestörten Bedingungen leben Wölfe in der Regel in Rudeln von bis zu etwa zehn Tieren, treten aber manchmal auch als Einzelgänger auf. Als Raubtiere ernähren sie sich von kleinen Nagetieren oder jagen Huftiere wie Reh, Hirsch oder gar Elch. Der Wolf ist ein anpassungsfähiges Raubtier und verfügt – heute allerdings nur noch theoretisch – über ein riesiges Verbreitungsgebiet: die ganze Nordhalbkugel, Europa-Asien-Nordamerika. Als kräftiger Jäger wurde er in vielen Kulturen bewundert und verehrt. Da er aber auch Nutztiere reisst, haftete und haftet ihm oft der Ruf eines gierigen Feindes des Menschen an. Nach Luchs und Bär wurde er im 19. Jh. in der Schweiz ausgerottet.

Es ist kaum vorzustellen, dass es sich um das gleiche Tier handelt, wenn man von der römischen Wölfin spricht oder vom Wolf und seiner Tauglichkeit als Jagdvorbild, in welcher Bernhard Grzimeks Enzyklopädie eine einleuchtende Ursache der Hundezucht vermutet: Man könne sich vorstellen, schreibt Eberhard Trumler in «Grzimeks Tierleben», «dass ganz zu Anfang Steinzeitjäger aus dem Umstand Nutzen zogen, dass Wölfe häufig mehr Jagdglück hatten als sie selber; die Wölfe von ihrer Beute zu vertreiben, war bei der Scheu dieser Tiere keine besondere Leistung». Zu Beginn seiner Laufbahn war der Mensch dem Wolf vielleicht noch einigermassen freundlich gesinnt. Das hatte sich aber schnell geändert. Das Verhältnis zwischen Mensch und Wolf war vielerorts sehr belastet und einseitig vom Hass des Menschen geprägt. Nur schleppend setzen sich Erkenntnisse durch, die aus Wölfen ganz normale Tiere machen.

Rückkehr des Wolfes

Einzelne Tiere aus Italien, wo der Wolf nie ausgerottet worden ist und wo sich heute 500 bis 1000 Individuen den Lebensraum mit etwa 80 000 verwilderten Hunden teilen müssen, dringen seit einigen Jahren über die Alpen in die Schweiz vor – vor allem ins Wallis, wo Schafhalter um ihre Herden bangen. Für die Wildbiologen ist klar, dass der Wolf die Schweiz wieder besiedeln wird. Gemäss dem Wolfskonzept des Bundesamts für Umwelt (BAFU) von 2008 sind es zuerst männliche Tiere, dann erste Weibchen, die auch Nachwuchs zur Welt bringen. Schliesslich folgt die Etablierung des Wolfs mit flächiger Ausbreitung. Der Lebensraum ist teilweise tierfreundlicher geworden, seit Natur- und Umweltschutzmassnahmen greifen, und die Ausdehnung der Wälder war während Jahrhunderten nicht mehr so weiträumig wie heute. Ausserdem haben Tiere wie Wölfe vielerorts keine Schwierigkeiten, die Kreise des Menschen nicht stärker zu stören als nötig. In der Region Basel wird der Wolf in den nächsten Jahren höchstens mit Einzeltieren auftauchen. Immerhin gelangen 2007 im Kanton Jura drei Beobachtungen von Wolfsspuren. Neue Hinweise kamen bis 2017 auch im Solothurn und Baselbieter Jura hinzu. Eine dauerhafte Etablierung scheint aber vorerst nicht unwahrscheinlich, obschon sich der Wolf im Jurabogen am längsten halten konnte.

So lange, wie man aufgrund der Unvorstellbarkeit seiner Präsenz meinen könnte, ist der Wolf noch gar nicht verschwunden. Der letzte bekannte Schweizer Wolf wurde zwar 1872 bei Irana am Monte Ceneri erlegt, doch noch in den ersten Jahren des 20. Jh. und während des Ersten Weltkriegs gab es wiederholt Berichte von Wölfen, die von Frankreich her in den Waadtländer, Neuenburger und Berner Jura eingedrungen sein sollten. 1947 wurde bei Eischoll im Wallis ein junger männlicher Wolf getötet, 1977 ein Wolf bei Lenzerheide geschossen, 1978 einer in den Vogesen beobachtet. Im Mai 1990 wurde ein Wolf unbekannter Herkunft bei Hägendorf erlegt , im Dezember 1994 einer in den Vogesen. Dieses Tier stammte aus Italien, wie die Gentests zeigten. Sein Weg in die Vogesen führte vermutlich westlich an Genf vorbei.

Legenden und Aberglaube

Flurnamen wie Wolfsschlucht (in Basel!) sowie Berichte und Legenden zeugen von der früheren Anwesenheit des Wolfs in der Region. Zu Beginn des 19. Jh. habe ein Jüngling im Wald von Hüningen einen Wolf gefangen und zur Wache gebracht, um ihn töten zu lassen. Bei Kleinlützel soll im Februar 1874 ein gewaltiger Kampf zwischen Wölfen und Wildschweinen getobt haben. Zwei Keiler und zwei Wölfe seien im Wald liegen geblieben. Kaum ein anderes Tier hat den Aberglauben so reich inspiriert wie der Wolf. Wolfszähne wurden als magische Zeichen zur Abwehr und zur eigenen Stärkung, im Gerichtssaal als Amulett des Sieges getragen. Körperteile des Wolfs wurden in Aphrodisiaka (den Geschlechtstrieb anregende Mittel) geraspelt – oder auch in Gegenmittel. Und Hexen wedelten mit Wolfsschweifen durch die Luft, wenn sie Wetter machen wollten.

DK

Verwandte Themen

Weiterführende Links

Literatur

  • Küry D., Ritter M. & Imhof P. 2011: Die Tierwelt der Region Basel. F. Reinhardt Verlag Basel, 288 S.
  • Grzimek Bernhard: Grzimeks Tierleben. Band 12, Weltbild Verlag, Augsburg 2000.
  • Säugetiere der Schweiz. Denkschriften der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften, Band 103. Birkhäuser Verlag, Basel 1995.