Schlagfluren

Auf Windwurf- und Kahlschlagflächen bildet sich in kurzer Zeit eine üppige Vegetation: die Schlagflur. Typische Vertreter dieser Vegetation sind Johanniskraut, Königskerze sowie Tollkirsche und Himbeere. Sie sind gut angepasst an sonnige Verhältnisse und können sich unter diesen Bedingungen besser gegen die schattenliebenden Waldpflanzen durchsetzen.



Der Kreislauf des Waldes

Ein natürlicher Wald durchläuft im Verlaufe von Jahrhunderten einen kontinuierlichen Kreislauf. Auch ohne Zutun des Menschen fallen alte Baumveteranen um oder Stürme reissen Schneisen in exponierte Waldbestände. Baumfreie Flächen mit viel herumliegendem Totholz und guten Lichtverhältnissen auf dem Boden werden von einer aus Kräutern und Hochstauden (hochwüchsige, mehrjährigen Krautpflanzen) bestehenden Schlagflur besiedelt. Nach und nach mischen sich Sträucher und junge Bäume darunter. Diese wachsen schnell, überragen die Schlagflur bald einmal und nehmen den schattenempfindlichen Pflanzen das Licht weg. Im Reifestadium bilden die hohen Bäume ein dichtes Kronendach, so dass krautige Pflanzen fast ausschliesslich im Frühjahr vor dem Blattaustrieb wachsen können. Bei älteren Wäldern und schwächeren Bäumen gelangt nun auf grösseren Flächen wieder Licht auf den Boden. Auf diesen kann ein neuer Kreislauf beginnen.

Künstlicher Kreislauf im Wirtschaftswald

In bewirtschafteten Wäldern wartet man nicht ab, bis die Bäume alt werden. Sind sie dick genug, werden sie gefällt und das Holz wird genutzt. Zurück bleiben kahle Flächen, auf denen sich mit etwas Rücksicht ökologisch wertvolle Schlagfluren entwickeln können. Nach waldwirtschaftlichen Eingriffen ist es deshalb wichtig, etwas Totholz liegen zu lassen und die Fläche nicht sofort aufzuforsten, sondern für einige Zeit sich selbst zu überlassen.

Viel Licht und wenig Zeit

Waldflächen, die durch einen heftigen Sturm oder durch den Menschen kahl geschlagen werden, stellen spezielle, wertvolle Lebensräume dar. Die Sonnenstrahlen und damit Licht und Wärme dringen bis zum Boden vor. Hier gedeihen schnellwüchsige Hochstauden und Krautpflanzen, deren Blätter sich entsprechend ihrer Wuchshöhe stockwerkartig übereinander schichten. Doch schon nach wenigen Jahren werden die Pflanzen der Schlagfluren von Gehölzen verdrängt. Eine Reihe von Krautpflanzen hat sich an diese schnell wechselnden Umweltbedingungen angepasst. Gewisse Pflanzen wie das Wald-Weideröschen oder der Wasserdost produzieren aussergewöhnlich viele Samen, welche durch den Wind oder von Tieren verbreitet werden. Die Samen anderer Arten können über Jahrzehnte im Boden liegen und auf günstige Keimbedingungen warten. Erst wenn die Lichtverhältnisse stimmen, werden die Samen wieder zum Leben erweckt.

Die Hochstaudenvegetation

Je nach Nutzung und Mikroklima des Standortes sowie dem Säuregrad des Bodens entwickeln sich in Schlagfluren unterschiedliche Pflanzengesellschaften. Auf kalkreichen Böden herrscht eine rege biologische Aktivität, und durch die Sonnenwärme wird die Laubstreu rasch abgebaut, so dass ausreichend Nährstoffe vorhanden sind. Hier dominieren Stauden wie die Tollkirsche oder die Himbeere sowie in deren Unterwuchs die Walderdbeere. Seit einiger Zeit machen sich auch Neuankömmlinge breit, sogenannte Neophyten; diese können den Artenreichtum der Vegetation herabsetzen. Kalkreiche Schlagfluren sind sehr kurzlebig und werden schon nach zwei bis drei Jahren von aufkommenden Gebüschen und dem dort heimischen Laubwald verdrängt. Auf den saureren Böden der Nadelwälder sind die Nährstoffe meist schlechter verfügbar. In diesen dominiert das Wald-Weidenröschen, ansonsten sind sie recht artenarm.

Attraktiver Lebensraum für Kleintiere

Die Pflanzen der Schlagfluren eignen sich für viele Tiere als Lebensraum, als Versteck oder als Nahrung. Tausendfüssler, Ohrwürmer, Schnecken und Asseln bewohnen das Totholz sowie die Laubstreu, während sich die Waldschmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen an den Blüten erfreuen. Der Widderbock-Käfer lebt als Larve im herumliegenden Totholz und besucht als ausgewachsener Käfer die Blüten der Schlagfluren. Alle diese Kleintiere sind auch Nahrung für Spechte, Spitzmäuse und andere Räuber. Somit ist die Schlagflur deutlich artenreicher als ein geschlossener, aufgeforsteter Wald.

DK / CA

Verwandte Themen

Weiterführende Links

Literatur

  • Delarze Raymond und Gonseth Yves: Lebensräume der Schweiz – Ökologie – Gefährdung – Kennarten, Ott-Verlag, Bern 2008.