Mittelalterliche Stadt

Befestigungsanlagen mit ihren Mauern, Toren und Türmen waren typisch für die mittelalterliche Stadt. Sie waren von weit her sichtbar und bildeten ein prägendes Element in der Landschaft. Die Anlagen trennten das Innere der Stadt vom Äusseren, das aus einer ländlichen und bäuerlichen Umgebung bestand. Sie boten Schutz und waren das Symbol der Stadt schlechthin.



Die mittelalterliche Stadt – ein eigenes Landschaftsgebilde

Zwar stammen die Befestigungen aus dem späten Mittelalter und bilden ein Wesensmerkmal der mittelalterlichen Stadt. Sie hatten jedoch bis in die Mitte des 19. Jh. Bestand und boten über Jahrhunderte ein ähnliches Bild. Die Befestigungen dienten der Verteidigung, aber auch der Repräsentation der Macht und der Selbstbestimmung. Das Stadtrecht, welches Handel, Handwerk und Märkte zu liess und die Stadt vom Umland abhob, war Ausdruck davon. Die Kanalisierung und Einschränkung der Zugänge durch die Stadttore ermöglichte die Kontrolle der Stadtbesucher und die Erhebung von Zöllen und Abgaben auf den Warenfluss. Nicht zuletzt bot die mittelalterliche Stadt für Pflanzen und Tiere einen vom landwirtschaftlich geprägten Umland abgetrennten und andersartigen Lebensraum. In der Region waren neben der damals grössten Schweizerstadt Basel auch die Landstädte Liestal, Laufen und Waldenburg weitere befestigte Stadtgebilde.

Basel – die Grossstadt

Um 1200 erfolgte die Befestigung Grossbasels mit einer Mauer und fünf Toren und um 1270 war auch Kleinbasel ummauert. Nach dem grossen Erdbeben von 1356 wurde ab 1362 die Stadt im Grossbasel mit einem neuen Mauerring erweitert, deren Ausmass bis in die 1860er-Jahre Bestand hatte. Die Vorstädte waren nun ebenfalls von der Stadtmauer umschlossen. Durch die Stadterweiterung entstand mehr Platz, der bis ins 19. Jh. kaum ausgefüllt wurde.

Basel zählte Mitte des 15. Jh. zwischen 8'000 und 10'000 Einwohner. Überall waren Arbeitstiere und Vieh mitsamt Schweinen anzutreffen. Die Gassen waren schlecht gepflastert und viel Kot und Unrat dominierten das Strassenbild. Die Obrigkeit versuchte zwar mit Gesetzen und Mandaten diesen Verunreinigungen entgegen zu wirken. Sehr problematisch war die Verunreinigung der Brunnen durch das Vieh mit Kot, was eine Gefahr für das Trinkwasser bedeutete. Die Fliessgewässer der Stadt wurden sowieso für die Entsorgung von Unrat aller Art genutzt. Allen voran der offene Birsig, der durch das Armenviertel der Steinenvorstadt und der Falknerstrasse floss, wo Färberei-, Gerberei- und Fleischabfälle den Fluss in eine stinkende Kloake verwandelten.

Im Kleinbasel und innerhalb der inneren Stadtmauern im Grossbasel waren die Gassen und Strassen eng. Die Häuserdichte war hier am grössten und Häuserzeile um Häuserzeile reihte sich aneinander. Vor allem im Kleinbasel gab es schmale Gärten hinter den Häusern, die an die Gärten der gegenüberliegenden Strassenzeile grenzten. So entstand eine kleine Gartenlandschaft im beengten Stadtbild. Grössere Gartenanlagen wiederum gab es in den reichen Vierteln auf dem Münsterhügel und an der Hebelstrasse. Es waren die Häuser und Höfe wohlhabender Bankiers und Kaufleute, die sie vom aussterbenden Adel ab dem 15. Jh. allmählich übernahmen. Durch den Bau des äusseren Mauerrings im 14. Jh. war Raum für Gärten und Landwirtschaft innerhalb der Stadtmauern entstanden. Auch der Mählyplan 1847 zeigt noch diese Grünflächen, die vorwiegend zwischen der St. Alban- und der Aeschenvorstadt und im Kirschgarten lagen.

Vor der Stadt wurde viel Landwirtschaft betrieben, wobei vorwiegend Reben angebaut wurden. Im 14. und 15. Jh. entstanden ausserhalb der Stadtmauern eine Reihe von Schlössern als herrschaftliche Sitze, so z.B. die Gundeldinger Schlösser oder das Klybeckschlösschen.

Liestal – das Stedtli

Der wichtigste städtische Ort in der Region neben Basel war Liestal, das kurz vor 1250 das Stadtrecht erhielt. Die topografische Lage prägte die Anlage der Stadt, die am Eingang ins mittlere Ergolztal liegt. Im Nordwesten bildete der Orisbach eine natürliche Grenze, während im Südwesten und Nordosten abfallendes Gelände den Stadtrand markierten. Einzig im Süden der Stadt, gegen das obere Ergolz- und das Frenkental hin, musste den ungünstigen Voraussetzungen mit einer Verengung des Ortsbildes begegnet werden. Im ersten Drittel des 13. Jh. entstand auch die Stadtmauer mit den beiden Toren, dem oberen und dem unteren Tor. Im 15. und 16. Jh. wurde die Befestigung mehrmals verstärkt. Es wurden aber auch Häuser bis an die Stadtmauer herangebaut, welche einseitig die Aussenwände der Häuser bildete. Liestal erfuhr nie eine Stadterweiterung, da die wirtschaftlichen Voraussetzungen des Durchgangsortes dafür nicht gegeben waren. Im 16. Jh. entstand einzig an der Ergolz im Gstadeck eine kleine Vorstadt für Handwerksbetriebe. Erst die Erhebung zum Kantonshauptort 1833 und die Ansiedlung von Fabriken führten zur Siedlungserweiterung des «Stedtlis».

Weitere Landstädte – Laufen und Waldenburg

Laufen bildet das Zentrum des Laufenbeckens und ist bis heute eine Kleinstadt geblieben. Sie erhielt im 13. Jh. eine Stadtbefestigung mit drei Toren und drei Türmen. Die Stadtanlage prägte zusammen mit dem Burgerrecht, dem Wahlrecht des eigenen Rates und dem Marktrecht das städtische Bewusstsein der Laufener. Die Zentrumsfunktion der Stadt war zwar regional sehr eingeschränkt und kleinräumig, erlaubte den Bürgern aber trotzdem einen etwas gehobeneren Lebensstandard.

Waldenburg hatte mit seiner Lage an der engsten Stelle zwischen Richtiflue und Schlossberg die Funktion einer Sperrfestung an der Passstrasse zum Oberen Hauenstein. Der Mauerwall verlief ober- und unterhalb der Siedlung zwei Mal quer durchs Vordere Frenkental von Fels zu Fels und besass je ein Tor. Waldenburg war trotz Stadtrecht ein Bauernort und seine Lage verhinderte schliesslich auch ein Wachstum der Siedlung zu einer Kleinstadt. Der Passverkehr und später die Ansiedlung der Uhrenindustrie verliehen dem Ort einen bescheidenen kleinstädtischen Charakter.

Entfestigung – das Mittelalter verschwindet

Die Stadtbefestigung war auch ein Wahrzeichen eines alten, verhassten Herrschaftssystems (Ancien Régime). Neue Strassenachsen und die Eisenbahn bedrängten den starren Mauerring. Die Industrialisierung und das damit verbundene Bevölkerungswachstum benötigten Raum für ihre Entwicklung. Neue Waffentechniken machten Stadtmauern überflüssig. Dies führte bereits Ende des 18. Jh., aber vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jh. zur Entfestigung der Städte in der Schweiz. Der liberale Zeitgeist ab 1830 beschleunigte diese Öffnung in Städten wie Zürich, Solothurn oder Genf, in Basel hingegen verzögerte sie sich durch die Kantonstrennung und die damit verbundenen Unsicherheit. Die Entfestigung begann hier 1861 und brachte praktisch den ganzen Mauerring und mit ihm das Aeschentor, das Steinentor, das Bläsitor und das Riehentor zum Verschwinden. Damit endete die fast 500 Jahre bestehende mittelalterliche Stadt, aus ihr wurde die heutige Altstadt. Es war zugleich der Startschuss zu einer äusserst intensiven Wachstumsphase und Ausbreitung des städtischen Raumes. Das Flächenwachstum beginnt erst heute an seine Grenzen zu stossen.

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Weiterführende Links

Literatur

  • Gschwind Franz: Bevölkerungsentwicklung und Wirtschaftsstruktur der Landschaft Basel im 18. Jahrhundert, Diss. Basel 1977 = Reihe Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Baselland Bd. 15.
  • Hagmann Daniel, Hellinger Peter (Hrsg.): 700 Jahre Stadt Laufen, Buchverlag Basler Zeitung, Basel 1995.
  • Heimatkundekommission Waldenburg, Heimatkunde Waldenburg, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 2011.
  • Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band I, Birkhäuser Verlag, Basel 1932.
  • Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Landschaft, Band II, Birkhäuser Verlag, Basel 1974, S. 188-198.
  • Matt Christoph Philipp: Welche Stadtmauer und wenn ja – wo? Irrungen und Wirrungen im Basler Stadtmauerwesen, in: Die mittelalterliche Stadt erforschen -Archäologie und Geschichte im Dialog, Basel 2009.
  • Piller Gudrun (Red.): Basel aus der Vogelschau – Der Stadtplan von Matthäus Merian d. Ä. aus dem Jahr 1615/17, HMB Magazin 4, Basel 2015.
  • Roeck Bernd et al.: Schweizer Städtebilder, Chronos-Verlag, Zürich 2013.
  • Teuteberg René: Basler Geschichte, Christoph Merian Verlag, Basel 1986.

Tabellen


Quellen: Gschwind, Statistisches Amt des Kantons Basel-Stadt