Natur im Siedlungsgebiet

Städte und Dörfer beherbergen oft mehr Arten als die ausgeräumte Kulturlandschaft im Mittelland. Neben dem gestalteten Grün in den Gärten werden deshalb in der Siedlung gezielt auch die typischen Tiere und Pflanzen gefördert.



Wo die wilden Tiere und Pflanzen der Siedlungen leben

Lange Zeit galten Dörfer und vor allem Städte als öd und naturfremd. Dies hat sich seit den 1980er-Jahren geändert: Im Siedlungsgebiet wurden Tiere und Pflanzen entdeckt, die als bedroht eingestuft wurden. Und damit wurde erkannt, dass auch zwischen Häusern, neben Strassen oder auf Eisenbahnarealen Pflanzen und Tiere in aller Heimlichkeit unsere Nachbarn sind. Eine Stadt ist kein Dorf. Das gilt auch für die Natur in Siedlungen. Typische städtische Lebensräume für Flora und Fauna sind Mauern, Wände, Bahnareale, Fugen von Kopfsteinpflaster, (alte) Dächer, Parkanlagen, Friedhöfe, Randbereiche von Sportplätzen und Schulhöfen und Uferböschungen von Gewässern. Typisch in Dörfern oder ländlichen Siedlungen sind grössere und meist noch zusammenhängende Grünflächen. Beispiele artenreicher Orte sind Bauerngärten, Hofplätze, Hühnerausläufe, Scheunen oder Maschinenabstellplätze. Im eher öffentlichen Bereich sind es Strassenböschungen, Mauern oder unversiegelte Plätze.

Städtische Lebensräume

Besonders interessant ist der Lebensraum Siedlung für Arten, die dort ähnliche Strukturen vorfinden wie in ihren Ursprungshabitaten. Der Mauersegler (Apus apus) lebte früher hauptsächlich in Felswänden. Mauern von Häusern, Türmen, Fabriken oder hohen Altbauhäusern erfüllen den gleichen Zweck wie Felsflühe. Entscheidend ist für ihn, dass er sein Nest rund zehn Meter über dem Boden bauen kann.

In Siedlungen herrschen besondere klimatische Bedingungen. Strahlungsreflexion und –absorption, Schattenwurf und Energieumsatz in Gebäuden beeinflussen die Temperatur. Die Versiegelung der Böden führt zu mehr Trockenheit und Verkehrsimmissionen können die Bodeneigenschaften verändern. An trockenen und nährstoffarmen Standorten entstehen Trocken- und Magerrasen. Hier können sich Lebensgemeinschaften ansiedeln, deren Lebensräume in der intensiv landwirtschaftlich genutzten Umgebung längst verschwunden sind. Ausgedehnte Magerrasen entwickeln sich zum Beispiel auf Bahnarealen.

Etwa zwei Drittel der Grünflächen in den Städten sind von Menschen gepflanzt oder angesät worden. Diese Gemeinschaften unterscheiden sich von der wilden Vegetation und orientieren sich am Barockgarten (zum Beispiel Versailles) und dem Englischen Landschaftsgarten (zum Beispiel München). Diese Gärten ziehen anpassungsfähige (synanthrope) Tiere an. Letztlich bieten aber auch Randgebiete der Parkanlagen Lebensräume für die wilde Flora und Fauna. In solchen Parks ist der Innenbereich für die Erholung suchende Bevölkerung reserviert, während in den Blumenwiesen des Randbereichs regional bedrohte Arten leben.

Naturräume in ländlichen Siedlungen

Ein typischer dörflicher Lebensraum war der traditionelle Bauernhof, der in kleinere Teilbiotope, wie zum Beispiel den Hofplatz, die Hühnerausläufe, die Scheune oder den Maschinenabstellplatz unterteilt war. Dies waren Orte, an denen nährstoffliebende Pflanzen ihren Platz hatten. Tiere wie die Gartenspitzmaus, der Igel, die Erdkröte oder das Mauswiesel fanden in diesen Gärten ein vielfältiges Nahrungsangebot und zahlreiche Nischen. Doch auch in ländlichen Gebieten hat sich seit etwa 1990 vieles verändert: Strassenböschungen mit ihren charakteristischen Wiesengemeinschaften oder Pionierlebensräume verschwanden in Dörfern aufgrund der zunehmenden Versiegelung der Böden. Steilere Böschungen verbuschten oder verwaldeten allmählich, weil nicht mehr gemäht wurde. Die traditionellen blumenreichen Wiesen am Dorfrand verschwanden wegen einer intensiveren Düngung dieser Flächen. Heute werden Naturgärten zur Förderung von schützenswerten, artenreichen Lebensgemeinschaften in ländlichen und städtischen Siedlungen angelegt. In vielen Schularealen bestehen naturnahe Flächen aus Blumenwiese, Kiesfläche, Steinhaufen oder Weihern (zum Beispiel Gymnasium Liestal, Känelmattschulhaus Therwil). Es bilden sich auf diesen Flächen artenreiche Bestände mit Vögeln, Amphibien, Bienen, Schmetterlingen oder Wasserinsekten wie Libellen.

Typische Tier- und Pflanzenarten in Siedlungen der Region Basel

Bekannte Wildpflanzenarten an Mauern der Stadt Basel sind die Niedliche Glockenblume, das Zimbelkraut und der Gelbe Lerchensporn. Das Zimbelkraut und der gelbe Lerchensporn sind nicht einheimische Pflanzen, also sogenannte Neophyten. Die erste Art wurde im 16. Jh. als Heilpflanze aus dem Mittelmeerraum nach Mitteleuropa eingeführt. Der Gelbe Lerchensporn stammt aus den Südalpen und wurde in fast alle gemässigteren und wärmeren Zonen verschleppt. Fugen im Kopfsteinpflaster sind auch Lebensräume, sofern diese Zwischenräume offen gelassen werden. Der Breitwegerich, der im St. Alban-Quartier vorkommt, gehört zu den Trittfluren. Ebenso das Niederliegende Mastkraut, das vom feuchten Sand zwischen den Pflastersteinen profitiert. Trittempfindliche, hochwüchsige Krautpflanzen, wie das Behaarte Schaumkraut, das Wiesen-Rispengras oder das Lachenals-Habichtskraut, weichen auf die Seiten der Strasse aus. Dass es in Basel auch waldähnliche Lebensräume gibt, sieht man anhand der Turm-Gänsekresse oder dem Bärlauch. Diese wachsen in der Krautschicht der waldartigen Böschungen am Rhein zwischen Pfalz und St. Alban-Tal. Auf den Kies- und Schotterflächen des ehemaligen DB-Areals (Basel) hat sich in den letzten zehn Jahren eine erstaunliche Artenvielfalt entwickelt. Die trockenwarmen Bedingungen haben die Ansiedlung von Italienischer Ochsenzunge, Gelber Reseda oder Grossem Bocksbart ermöglicht: alles typische Pflanzen des Mittelmeerraums. Mit dem Götterbaum, dem Schmetterlingsstrauch und dem Südafrikanischen Greiskraut kommen aber auch Neophyten vor, die in der Schweiz auf der Schwarzen Liste der invasiven Arten stehen.

Die Mauereidechse lebt in Mauerritzen, aber auch in Bahnarealen oder an den verbauten Rheinufern. Eine der am weitesten verbreiteten Vogelarten der Welt ist der Wanderfalke, der sich in den letzten Jahrzehnten auch in Basel niedergelassen hat. Die Aussenwände von Gebäuden sind die künstlichen Felsen, an denen er brütet. Er ist bekannt für seine spektakulären Sturzflüge, mit denen er kleinere Vogelarten erbeutet. Vogelarten der Bahnareale sind Distelfinken, Bluthänflinge und Girlitze, die sich von Samenständen in Ruderalfluren ernähren. Weiher in Siedlungen werden von Libellen, Wasserkäfern oder Wasserläufern besiedelt. Oft werden auch Amphibien heimisch. Früher waren die Nase und der Lachs im Rhein noch sehr häufig. Heute kommt teilweise noch die Nase vor und schwimmt jeden Frühling in die Unterläufe von Birs und Wiese, wo sie auch auf Stadtgebiet ihrem Laichgeschäft nachgeht. Nächtliche Bewohner des Rheins sind im Sommer verschiedene Fledermausarten, die über den insektenreichen Wasserflächen ihre Nahrung finden.

DK

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Weiterführende Links

Literatur

  • Baur Bruno, Billen Wolfgang und Burckhardt Daniel (Red.): Vielfalt zwischen den Gehegen: wildlebende Tiere und Pflanzen im Zoo Basel. Monographien der Entomologischen Gesellschaft Basel 3, 2008.
  • Ineichen Stefan und Ruckstuhl Max: Stadtfauna, 600 Tierarten der Stadt Zürich, Haupt Verlag, Bern 2010.
  • Wittig Rüdiger: Siedlungsvegetation. Ulmer Verlag, Stuttgart 2002.