Reinach

Wie keine andere Gemeinde in der Region Basel hat Reinach innert kürzester Zeit den Schritt vom Bauern- und Rebbaudorf zur modernen Agglomerationsgemeinde gemacht. Das Dorf hat sich zu einer neuen «Stadt vor der Stadt» entwickelt.




Dorfbach prägt Siedlungsgrundriss

Der Dorfbach entspringt in den Riedmatten auf Aescher Boden. Im Gebiet Erlenhof lag bis ins 19. Jh. ein kleines Moor mit einer reichen Tier- und Pflanzenwelt. Die Reinacher nutzten dieses auf verschiedene Weise. Sie stachen an einigen Stellen Torf und mähten den Sumpfrasen für ihr Vieh. 1903–1907 wurde das gesamte Erlenhofgebiet melioriert. Den Dorfbach, welcher aus dem Moor abfloss, legte man um 1,4 Meter tiefer. Dadurch sank auch der Grundwasserspiegel. 1938–1942 führte die Gemeinde weitere Entwässerungsarbeiten aus.
Ursprünglich traf der Dorfbach beim Dorfbrunnen auf die Hauptstrasse. 1750 wurde ein Kanal ausgehoben, der weiter südlich im rechten Winkel auf die Hauptstrasse stiess und ihr folgte. In einem Bogen floss und fliesst auch heute noch der Dorfbach durch Reinach. Das ursprüngliche Dorf und die Strassen haben sich dem Verlauf des Bachs mit einem typischen Bogen angepasst. Weiter nördlich floss das Gewässer ursprünglich in Form von drei Bewässerungsgräben in die Aumatten und versickerte dort in den Wiesen. 1906 wurde der Bach in Röhren gefasst und tritt seither erst wieder östlich des heutigen Schwimmbades an die Oberfläche und ergiesst sich nach kurzem Lauf in die Birs.

Lage im Birstal

Der Gemeindebann erstreckt sich von der Birs westwärts über die verschiedenen Niederterrassenniveaus der Birs bis auf die Hochfläche des Bruderholzes sowie auf die südlichen Ausläufer des Bruderholzes – die Hügel beim Schlatthof. Bruderholz und Schlatthofhügel gehören naturräumlich zum Sundgauer Hügelland. Die Basis dieser Hügel besteht aus tertiären Ablagerungen.
Während der Eiszeiten erfolgte eine mehrmalige Zuschüttung des ganzen Gebietes mit Schottern der Flüsse. Während der Günz-Eiszeit wurde das ganze Bruderholz bedeckt, in den späteren Eiszeiten wegen der allmählichen Eintiefung der beiden Haupttäler Rhein und Birs nur noch die Ränder. Die Hügel sind von dicken Lössschichten bedeckt, auf denen Ackerbau betrieben wird, während an den steileren Abhängen Wald vorherrschend ist. Bäche schufen Erosionsrinnen und bilden am Fusse des Bruderholzes Schwemmfächer. Diese Bäche wurden alle eingedolt.
Der Fleischbach, welcher nach Unwettern immer wieder Lehm und Holz herabschwemmte, wurde schon früh zwischen Dämmen gegen den Reinacherhof geleitet und versickerte dort. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde er dann eingedolt und unterirdisch zur Birs geführt. Einzig die «Holi Gass» als Hohlform geht auf die Entstehung durch Menschen zurück. Hier führte nämlich der alte Weg der Reinacher auf das Bruderholz durch.
Die Gemeindefläche beträgt rund 700 Hektaren. Davon sind heute mehr als die Hälfte Siedlungsfläche, 201 Hektaren landwirtschaftliche Fläche und 118 Hektaren Wald. Das Gewerbe beansprucht 44 Hektaren. Einen Anteil von rund 3 % der Gemeindefläche hat das kantonale Naturschutzgebiet Reinacher Heide in der Birsebene.

Vom Bauerndorf zur «Stadt vor der Stadt»

Aufgrund der Lage an der Landstrasse zwischen Allschwil und Laufen wurde Reinach im 17. Jh. wirtschaftliches Zentrum, indem es zur bischöflichen Salz- und Zollstelle ernannt wurde. Im 19. Jh. wurde nach und nach die Landwirtschaft modernisiert, so wurden 1820 die Dreizelgenwirtschaft und 1841 der allgemeine Weidgang aufgehoben. Viehhaltung und Graswirtschaft verdrängten immer mehr den Ackerbau. Ab 1855 entstanden Höfe ausserhalb der Siedlung, wie der Reinacherhof 1856, der Predigerhof 1906 und der Erlenhof 1908. Die Industrialisierung blieb im 19. Jh. gering. Im Rahmen der Feldregulierung 1904–11 wurde ein neues Wegenetz gebaut, welches später im Zuge der Besiedlung die Funktion von Quartierstrassen übernahm. Bis um 1920 entstanden um den alten Dorfkern herum und ganz im Norden von Reinach neue Bauten. Im Jahr 1907 erhielt die abseits der 1875 eröffneten Jurabahn liegende Gemeinde mit der Eröffnung der Trambahn Basel-Aesch erstmals Schienenanschluss. Das Tram brachte zunächst keine sehr grossen Entwicklungsimpulse.
In der folgenden Phase verdichtete sich das Baugebiet an der Grenze zu Münchenstein im Bereich der Tramhaltestelle Surbaum. Zudem wuchsen in der Ebene und am Rebberg bereits Einzelbauten empor. Die Entwicklung verlief aber langsamer als zum Beispiel in den Gemeinden Allschwil und Muttenz. Reinach hatte noch 1950 weniger als die Hälfte der Einwohner von Allschwil! Mit der Nachkriegszeit setzte dann ein eigentlicher Bauboom ein, der nach 1960 die Überbauung des Rebberges und die Verdichtung in der Ebene bewirkte. In einem nächsten Schub wurde 1970 Kägen ausgebaut. Reinach wurde so im frühen 20. Jh. an die «Vorstadt» Münchenstein angebunden und somit Teil der Agglomeration Basel. Dominierten bis 1950 die Einfamilienhäuser, so wurden in der Folge immer mehr Wohnblocks und später erste Hochhäuser gebaut. Am 23. Juni 1965 wurde Reinach mit der Geburt des 10 000. Einwohners statistisch zur Stadt.

Verlust des dörflichen Bildes

Durch die Nähe zu Basel, die Ausrichtung in der Talachse, die gute Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr sowie mit einer sehr gross dimensionierten Bauzone hat sich Reinach innert kurzer Zeit vom landwirtschaftlich orientierten Haufendorf zur städtischen Agglomerationsgemeinde entwickelt. Die Gemeinde wuchs in dieser Zeit als Folge einer überdimensionierten Planung aus den 1920er- und 1930er-Jahren eher ziellos, was man einzelnen Ortsteilen heute noch ansieht.
In vielen Dörfern der Agglomeration wurden damals die alten Bauernhäuser durch geschickte Renovation in Wohn- und/oder Geschäftshäuser umfunktioniert. In Reinach wurden leider praktisch alle abgerissen. Die Planung sah vor, aus dem Dorfzentrum ein modernes städtisches Zentrum mit Hochhäusern an markanter Stelle und weiteren Neubauten zu gestalten. Sie wurde aber aus verschiedenen Gründen nur teilweise umgesetzt, sodass heute ein eher zufälliges Nebeneinander von Alt und Neu besteht. Seit der Jahrtausendwende ist Reinach jedoch bestrebt, sein Gesicht zu erneuern. Im Dorfkern wurden neben der noch erhaltenen alten Bausubstanz auch architektonisch markante Neubauten wie die Gemeindeverwaltung errichtet und die Hauptstrasse wurde aufwändig umgestaltet.

Neue Perspektiven der Birsstadt

Nachdem der Ort in einer ersten Phase der Entwicklung vor allem als Wohnort diente, hat seine Bedeutung als Arbeitsort nach dem Bau des Industriequartiers Kägen stark zugenommen. Dieses verdankt seine Entwicklung in erster Linie der in den 1970er-Jahren neben der Birs angelegten Hochleistungsstrasse J18 (heute H18).
Reinach hat im Jahr 2006 mit verschiedenen Nachbargemeinden die «Birsstadt» ins Leben gerufen. Dies ist eine Raumplanungsidee, mit der die Planung der Agglomerationsgemeinden im Birseck aufeinander abgestimmt und gemeinsam weiterentwickelt werden soll. Die Gemeinden an der Birs sollen als zusammenhängende «Stadt vor der Stadt» gedacht werden. Erste Projekte der Birsstadt sind eine gemeinsame Freiraumplanung mit beispielsweise einem gemeinsam projektierten Uferweg entlang der Birs. Im Jahr 2014 haben die Gemeinden Aesch, Arlesheim, Birsfelden, Dornach, Münchenstein, Pfeffingen und Reinach erste Pilotprojekte in Auftrag gegeben.
HPM

Karten

Luftbilder

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Weiterführende Links

Literatur

  • Hagmann Daniel: Reinach. Biografie einer Stadt vor der Stadt. Heimatkunde, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 2006, 2 Bände.
  • Morf J. Eduard: Reinach zwischen Dorf und Stadt, Regio Basiliensis, Band XI, 2. Heft, 1970.
  • Windler Hans: Das alte Reinach. Beiträge zur historischen Geographie einer Baselbieter Gemeinde, Geographica Helvetica 24, 1969. (pdf)
  • Windler, Hans, Reinach BL, Beiträge zur Heimatkunde einer jungen Stadt, Kantonale Drucksachen- und Materialzentrale, Liestal 1975.

Tabellen und Diagramme

Quellen: Bundesamt für Statistik 1850–2000 eidg. Volkszählung, Statistisches Amt Kanton Basel-Landschaft ab 2001 Fortschreibung