Kiesgruben

Durch den Kiesabbau wird ein wichtiger Rohstoff für das Bauwesen gewonnen. Kiesgruben sind jedoch nicht nur reine Rohstoffquellen für den Bau von Gebäuden und Strassen. Beim Kiesabbau entwickeln sich vielfältige Biotope, welche die heute kaum noch vorhandenen Lebensräume naturbelassener Flusslandschaften ersetzen können. Auch in der Region Basel befinden sich einige, unter Schutz stehende Kiesgruben.




Frucht der Flüsse

Als Kies bezeichnen Geologen Lockergesteine mit 2–63 Millimeter Durchmesser (Korngrösse). Im Alltag oder im Baugewerbe wird unter Kies der durch verschiedene Verwitterungsprozesse entstandene und häufig als Geschiebe transportierte Schotter in Flüssen verstanden. In sogenanntem Wandkies sind deshalb auch feinere Anteile wie Sand und Ton vorhanden. Zwischen und nach den Eiszeiten wurden in den Flüssen der Region Basel grosse Mengen von Schotter abgelagert, die seit Beginn des 20. Jh. abgebaut werden. Die Abbaugebiete liegen verstreut in der Oberrheinebene (zum Beispiel Hésingue, St-Louis, Weil am Rhein) und entlang des Hochrheins (zum Beispiel Muttenz, Pratteln, Grenzach-Wyhlen).

Kiesabbau in der Region Basel

Die Kieswerke erhalten von den Behörden eine Konzession, die ihnen die Entnahme, die Verarbeitung und den Verkauf des Schotters erlauben. Der Kiesabbau hinterlässt grosse Wunden in der Landschaft. Deshalb werden die Unternehmer in der Regel gleichzeitig mit der Abbaubewilligung zum Auffüllen und Rekultivieren der Flächen verpflichtet. Als Folge des Baubooms in der ersten Hälfte des 20. Jh. und vor allem in der Nachkriegszeit setzte ein vermehrter Kiesabbau ein. Sand und Kies sind unverzichtbare Zutaten für wichtige Bausubstanzen wie Beton und Mörtel oder finden als Schüttungsmaterial Verwendung.

Lebensraum Kiesgrube – Ersatz für Auenlandschaften

Die Kiesgruben sind aufgrund ihrer ähnlichen Lebensräume wichtige Ersatzbiotope der im 19. Jh. verloren gegangenen Flussauen. Natürliche Auenlandschaften und deren Lebensgemeinschaften werden bei Hochwasserereignissen zeitweilig überschwemmt. Nach dem Rückgang des Hochwassers bilden sich vegetationsfreie Tümpel. Diese sind beispielsweise Laichplätze für die stark gefährdete Kreuzkröte (Bufo calamita). Die natürlichen Feinde der Kreuzkröte – Fische sowie bestimmte Libellen und Molche – können sich wegen der zeitlich begrenzten Wasserführung gar nicht erst entwickeln. Sowohl in Auen als auch in Kiesgruben bilden sich neben den Tümpeln auch permanente Weiher, in denen viele Amphibien- und Wasserinsektenarten ihren Lebensraum finden. Die Erhaltung und Pflege von Kiesgrubenbiotopen ist deshalb wichtig für den Naturschutz.

Sonnenanbeter in kargen Lebensräumen

Auengebiete und Kiesgruben sind zudem wichtig als trockenwarme Pionierlebensräume oder Ruderalbiotope, die ebenfalls während Hochwasserereignissen entstehen. Dabei wird periodisch die bewachsene Schotterfläche samt der vorhandenen Vegetation entfernt und es entstehen nackte Kiesflächen. Auf trockenen Pionierflächen gedeihen Arten wie das Dodonaeus-Weidenröschen (Epilobium dodonaei) oder die Rheinische Flockenblume (Centaurea stoebe), dazwischen leben die Blauflüglige Sandschrecke (Sphingonotus caerulans) oder die Blauflüglige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens). Wird die Vegetation dichter und nimmt die Beschattung zu, weicht die Lebensgemeinschaft auf neu entstandene Pionierflächen in der Nachbarschaft aus. Tier- und Pflanzengemeinschaften in Auen sind in hohem Grad dynamisch und passen sich dem immer wieder neu entstehenden Mosaik unterschiedlicher Lebensräume an. Im Ersatzbiotop Kiesgrube hat der Mensch mit seinen Abbauaktivitäten die Rolle der Hochwasser in den Auen übernommen und schafft im Rahmen des Abbaus oder als Pflegemassnahmen immer wieder neue Pionierlebensräume.

Von der Zurlindengrube zur Klingentalgrube

Eine der wertvollsten Kiesgruben war bis vor Kurzem die Zurlindengrube in Pratteln. Die grossen Kreuzkrötenbestände machten die Grube zu einem äusserst wichtigen Naturobjekt, das als Ersatz für die im 19. Jh. verlorenen Auen erhalten werden muss. Weiter war sie Lebensraum vieler gefährdeter Libellenarten. In den Überbauungsplänen «Salina Raurica» ist jedoch eine Überbauung dieses Gebietes vorgesehen. Deshalb hat der Landrat beschlossen, die dort ansässigen Arten in die Chlingentalgrube in Muttenz zu übersiedeln. Deren Fläche ist allerdings bedeutend kleiner als diejenige in Pratteln. In der Muttenzer Grube wurden neue Gewässer angelegt und 2011 wurde mit dem Aussetzen von Kreuzkrötenlaich und -kaulquappen begonnen. Die definitive Umsiedlung der ausgewachsenen Tiere aus der Zurlindengrube fand ab 2013 statt.

Umweltsünden der Vergangenheit

Die Auffüllpflicht der Kiesgruben hat unangenehme Folgen. Zwischen 1940 und 1960 wurden viele Gruben mit verschiedenstem Material aufgefüllt. Dabei wurde, mit behördlicher Zustimmung, auch Chemiemüll deponiert. Heute können im Grundwasser Substanzen dieser Ablagerungen gemessen werden. Eine Nutzung des Wassers im Untergrund entlang des Hochrheins und im elsässischen Oberrheingebiet ist aufgrund der Belastungen vielerorts nur noch beschränkt möglich. Im Gebiet der ehemaligen Feldrebengrube in Muttenz bestehen Risiken für die bestehende Wasserversorgung der Hardwasser AG. Die Betreiberin wurde in der Folge zum Einbau eines Aktivkohlefilters verpflichtet.
DK/MS

Karten

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Weiterführende Links

Literatur

  • Bitterli-Brunner Peter: Geologischer Führer der Region Basel, Birkhäuser, Basel 1987.
  • Blank Peter et al.: Die Zurlindengruben in Pratteln. Tätigkeitsberichte der Naturforschenden Gesellschaft Baselland, Bd. 35, 1998, S. 7–117.
  • Blass Ulrich und Kienzle Ulrich: Veränderungen der botanischen Artenvielfalt im Naturschutzgebiet Reinacherheide. Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaften beider Basel 6, 2002, S. 63-86.
  • Küry Daniel und Bauer-Stingelin Karin: Änderungen der Libellengemeinschaft in der Zurlindengrube Pratteln zwischen 1986 und 1996. Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaften beider Basel 6, 2002, S. 15-22.