Rosskastanie

Sie offenbart uns im Frühling ihre imposanten Blütenstände, im Sommer schützen ihre grossen, gefingerten Blätter vor allzu viel Sonnenstrahlung und im Herbst erfreut sie Gross und Klein mit ihren glänzend braunen, stachelig umhüllten Früchten. Gemeint ist die Rosskastanie, ein beliebter Park- und Alleebaum, der im 16. Jh. als Zierbaum zu uns gelangte.




Die Rosskastanie als «verlorener Sohn»

Lange glaubten die Botaniker, dass die Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) ursprünglich aus der Gegend um Konstantinopel kam, dem heutigen Istanbul. Die Rosskastanie war jedoch bereits vor der Eiszeit auch in unseren Breitengraden beheimatet. Sie wurde allerdings während der kalten Periode in den Balkan und nach Kleinasien abgedrängt.
Erst im 16. Jh. kam die Gewöhnliche Rosskastanie wieder zurück. Aufgrund ihrer schweren Früchte gelang es ihr aber nicht, sich aus eigener Kraft wieder in Mitteleuropa anzusiedeln. Es waren vielmehr interessierte Reisende, die Samen aus Konstantinopel mitbrachten. 1576 pflanzte der holländische Botaniker Carolus Clusius in Wien die ersten Rosskastanien nördlich der Alpen.
Als im Jahr 1732 auf der Pfalz beim Münster die alte, gewaltige Linde, deren Stamm verfault war, aufgegeben werden musste, wurden an ihrer Stelle zehn junge Rosskastanien gesetzt. Seither ist dieser majestätische Baum aus Basel nicht mehr wegzudenken und prägt das Bild vieler Grünanlagen. Hinter der Linde belegt die Rosskastanie inzwischen mit rund 2000 Individuen den zweiten Platz der häufigsten Baumarten der Stadt Basel.
Neben den Weissblühenden Rosskastanien werden die Bestände vor allem entlang von Strassen vermehrt mit Rotblühenden Rosskastanien (Aesculus x carnea), die nur wenige oder keine Früchte tragen, durchmischt. Die Weissblühende Rosskastanie scheint weniger geeignet als Strassenbegleiter zu sein, da sie im Herbst viele Früchte fallen lässt und zudem sehr empfindlich auf Streusalz reagiert. In den ländlichen Ortschaften der Region dient dieser Baum mit seiner dichten Krone oft als Schattenspender in Gartenwirtschaften. Seltsamerweise verwildert die Rosskastanie in unserer Region nicht.

Wie Kerzen in der Laubkrone

Die Gewöhnliche, auch Weissblühende Rosskastanie ist sommergrün, raschwüchsig und kann ein Alter von 300 Jahren erreichen. Der bis zu 30 Meter hohe Baum mit seinem kurzen, kräftigen und nach rechts drehwüchsigen Stamm bildet eine runde, breite Krone aus. Schon im Frühling fällt er mit seinen riesigen, bräunlich glänzenden Knospen auf, aus denen sich die handförmig gelappten Blätter und die imposanten Blütenrispen entfalten.
Wie weisse Kerzen leuchten die bis zu 20 Zentimeter langen Blütenstände aus dem zarten Grün der Laubkrone hervor. In einer solchen Rispe präsentieren 100 bis 200 weisse Einzelblüten in ihrem Innern ihren Bestäubern ein auffälliges Saftmahl, das seine Farbe ändert. Erst weist eine leuchtend gelbe Farbe den Bienen und Hummeln den Weg zum Nektar, der nur in dieser Phase produziert wird. Nach einer erfolgreichen Bestäubung stellt die Blüte ihre Nektarproduktion ein, was sie den Insekten mit einem Farbwechsel auf Rot im Innern der Blüte zeigt.

Ein Igel fällt vom Baum

«Ein Igel ist auf einem Blatt, das wie die Hand fünf Finger hat…», fällt auf den Kopf von Fritz via Mütze in die Pfütze und platzt dort schliesslich. So würdigt ein Kinderlied die Rosskastanie. Dieser «Igel» symbolisiert die Frucht der Rosskastanie, welche im Herbst heranreift. Fallen die bestachelten Kapselfrüchte zu Boden, platzen ihre stacheligen Schalen auf und entlassen meist einen, selten zwei bis drei grosse, glänzend braune Samenkerne, die Kastanien. Als Wild- und Viehfutter geschätzt, sind sie für den Menschen ungeniessbar, sehr bitter und sogar leicht giftig. In Notzeiten wurde aus Kastanienfrüchten Seifen hergestellt, oder sie wurden nach einer aufwändigen Aufbereitung zu Kastanienmehl verarbeitet.
Der Name «Kastanie» wird wegen der Ähnlichkeit ihrer Samen mit der Edelkastanie (Castanea sativa) in Verbindung gebracht. «Ross» könnte minderwertig bedeuten oder auf die frühere Verwendung als Pferdearznei hinweisen. Die Edelkastanien, die wir in der kalten Jahreszeit als «heissi Maroni» so schätzen, sind mit der Rosskastanie nicht verwandt. Vor nicht allzu langer Zeit wurden die Rosskastanien noch in einer eigenen Familie geführt, den Rosskastaniengewächsen. Heute werden sie aufgrund molekularbiologischer Erkenntnisse in die Familie der Seifenbaumgewächse eingruppiert, während die Edelkastanie zu den Buchengewächsen zählt.

Eine freundlose Motte nistet sich ein

Im Jahre 2003 hat sich ein ursprünglich aus Asien stammender Kleinschmetterling auf den Weissblühenden Rosskastanien in Basel niedergelassen. Da das kleine Insekt, die Rosskastanienminiermotte (Cameraria ohridella), keine natürlichen Feinde besitzt und deshalb nicht ausreichend reguliert wird, hat sie sich schnell vermehren können. In der Regel werden befallene Rosskastanien aber nicht nachhaltig geschädigt und sterben auch nicht ab. Sie werden aber geschwächt.
Es gibt neue Beobachtungen, dass Kohlmeisen die Motte als Nahrung entdeckt haben könnten. Eine wichtige Bekämpfungsmassnahme besteht darin, das Falllaub dauernd und gezielt aufzunehmen und zu entsorgen, um so die Weiterentwicklung der Miniermotte zum Adulttier schon im Larvenstadium zu unterbinden. Auch hofft man mit der Durchmischung der Alleen mit Rotblühenden Rosskastanien, den Miniermotten-Befall auf die verbleibenden Weissblühenden zu reduzieren. Die geschlüpften Larven auf den Rotblühenden Rosskastanienbäumen sterben nämlich ab.
EB

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Weiterführende Links

Literatur

  • Bertelsmann Lexikon Institut: Faszination Natur, Bäume und Sträucher, Wissen Media Verlag GmbH, Gütersloh/München 2006.
  • Boller Thomas, Wiemken Verena: Epidemien von Pflanzenschädlingen am Beispiel der Rosskastanien-Miniermotte, in Bauhinia 18/2004, Zeitschrift der Basler Botanischen Gesellschaft, Basel 2004, S. 37–48.
  • Brodtbeck Thomas et al: Flora von Basel und Umgebung, Naturforschende Gesellschaft beider Basel, Liestal 1997.
  • Fischer Beat, Widmer Karin: Ameisenlöwe & Zimbelkraut, Haupt Verlag, Bern 2011.
  • Lüthi Roland: Natur im Baselbiet, Heft 11, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 2001–2010.
  • Rieder Marlise und Hans Peter, Suter Rudolf: Basilea botanica, Birkhäuser Verlag, Basel 1979.
  • Schütt Peter et al: Enzyklopädie der Laubbäume, Nikol Verlagsgesellschaft mbH, Hamburg 2006.