Schaf – Ziege

Schafe und Ziegen stehen als älteste Nutztiere schon seit zehn Jahrtausenden im Dienste des Menschen. Heute spielen sie in der Landwirtschaft als Fleisch- und Milchlieferanten nur noch eine untergeordnete Rolle, als Landschaftspfleger werden die kleinen Wiederkäuer aber wieder zunehmend geschätzt.




Zeugen aus Knochen

Wie archäologische Funde aus der Gegend um Sitten belegen, waren Schafe und Ziegen in der Schweiz bereits bei den Pfahlbauern in der Jungsteinzeit ein beliebtes Haustier. Auch in der Region Basel können Knochenfunde bezeugen, dass schon im 11. Jh. auf der Burg Altenberg bei Füllinsdorf Ziegen und Schafe gehalten wurden – Rassen allerdings, die bedeutend kleiner waren als die heutigen.

Vergöttert und verteufelt

Den hohen Stellenwert von Schaf und Ziege in früheren Zeiten unterstreicht ihre Präsenz in den heiligen Schriften verschiedener Religionen. In biblischen Texten des Christentums könnten die zugeschriebenen Eigenschaften der beiden Tiere gegensätzlicher nicht sein. Schafe erhalten durchwegs positive Bewertungen, da auch Christus Lamm Gottes genannt wird. Für die Verkörperung des Teufels hingegen – also des Bösen generell – muss oftmals der Ziegenbock herhalten. Er ist der Sündenbock – auch im Judentum. In vielen Kulturen opferte man Schafe und Ziegen, um Gott, Götter oder Herrscher zu besänftigen und begnadet oder gesegnet zu werden.

Kompetente Landschaftspfleger

Schafe wie Ziegen sind zoologisch der Familie der Hornträger zuzuordnen, sind Paarhufer, Wiederkäuer und Herdentiere. Während den Schafherden meist ein erfahrenes weibliches Tier vorsteht, muss in den Ziegenverbänden eine geregelte Rangordnung immer wieder erstritten werden.
Gegen die ausgesprochen genügsamen Tiere ist fast «kein Kraut gewachsen» – kaum ein Gras oder Kraut, das nicht von ihnen gefressen wird. Ist das Angebot vorhanden, ergänzen Ziegen ihren Speisezettel gerne auch mit Knospen, Blättern und Rinden von Sträuchern und Bäumen. Daher sind sowohl Schafe als auch Ziegen eine wertvolle Hilfe in der Landschaftspflege, können sie doch auch an steilen Hängen als «lebende Rasenmäher» eingesetzt werden. Ziegen drängen mit ihrem grossen Appetit zusätzlich auch aufkommende Büsche und Bäume zurück und halten so Weiden offen.
Die Hagnau beispielsweise, das steile Bord am Rande der Birsebene bei Birsfelden, wird schon seit mehreren Jahrhunderten als Kleintierweide genutzt. Die «Bearbeitung» des Steilhangs durch Schafe und Ziegen gewährleistet bis heute den Erhalt dieser artenreichen Blumen- und Trockenwiesen. Auf der Grünfläche beim Allschwiler Weiher werden die Mäharbeiten im Sommer seit 2015 von Schafen erledigt, man verspricht sich dadurch auch hier eine ökologische Aufwertung der Wiese.
Da Schafe eine Wiese unregelmässig beweiden, werden einzelne Grasbüschel stehen gelassen, die Insekten wichtige Rückzugsorte bieten. Die daraus resultierende Erhöhung der Insektenvielfalt hat eine positive Auswirkung auf Vögel und andere Insektenfresser. Das Frassverhalten, die Tritteinwirkung und der Kot der Schafe strukturieren eine Weide nachhaltig, was wiederum die Vielfalt der Pflanzen fördert. Mehr unterschiedliche Kraut- und Grasarten finden so eine ökologische Nische.

Aus Wild- mach Hausschaf

Nach heutigem Stand der Zoologie stammen unsere Hausschafe von zwei Unterarten des Wildschafes (Ovis orientalis) ab, einerseits dem Steppenwildschaf oder Urial und andererseits dem Mufflon. Während Wildschafe heute nur noch in Asien, Nordamerika und wenigen Teilen Südeuropas beheimatet sind, hat sich das Hausschaf weltweit verbreitet. Seine unglaubliche Anpassungsfähigkeit bezüglich Lebensraum und Nahrungsangebot hat zu dieser Globalisierung als Nutztier sicher beigetragen.

Erst Wolle dann Fleisch aus der Schweiz

In der Mitte des 19. Jh. erreichte der schweizerische Schafbestand ein Maximum von etwa einer halben Million Tieren. Innerhalb eines halben Jahrhunderts schrumpfte der Bestand um mehr als die Hälfte auf ein Minimum, was wohl damit begründet werden kann, dass der Ackerbau rentabler als die Viehhaltung und die Wolle des Schafes durch billigere Baumwolle ersetzt wurde.
Sowohl eine stark gestiegene Nachfrage nach Lammfleisch als auch die weniger personalintensive Nutzung hochgelegener Bergweiden bewirkten nach 1950 wieder eine kontinuierliche Zunahme des Schafbestandes.

Von helvetischen Hobby- und Profischafen

Heute gibt es in der Schweiz wieder knapp 450"000 Schafe, die laut Herdebuch des Schweizerischen Schafzuchtverbandes 11 anerkannten Schafrassen zugeordnet werden können. Etwas mehr als 1% davon (ca. 6000 Tiere) weiden in den Kantonen Baselland und Basel-Stadt.
Neben Haupterwerbsbauern, für deren Einkommen die Schafzucht eine untergeordnete Rolle spielt, sind es in der Region Basel oft auch «Hobbybauern», die bevorzugt Fleischschaf-Rassen wie das Weisse Alpenschaf, das Schwarzbraune Bergschaf oder das Braunköpfige Fleischschaf halten. Lammfleisch wird auch heute noch sehr geschätzt, während die Wolle und die Milch ihre Bedeutung auf dem Schweizermarkt verlieren. Als «lebende Rasenmäher» gehören Schafe – hauptsächlich multitalentierte Landrassen – nicht nur zum Dorf-, sondern zunehmend auch zum Stadtbild.

Ursprüngliche Ziege

In schwer zugänglichen Gebirgsregionen Klein- und Vorderasiens lebt heute noch die Bezoarziege (Capra aegagrus), die Wildziege, von der alle Hausziegen abstammen. Ausser in sehr kalten Regionen sind Hausziegen heute weltweit verbreitet.
Im Gegensatz zu anderen Haustieren, sind sie in ihrem Verhalten recht ursprünglich geblieben. Hausziegen können daher auch wieder verwildern. Sie wissen sich in freier Natur sogar gut zu behaupten, sind sie es als ursprüngliche Gebirgsbewohner doch gewohnt, auch aus kargem Futter das Nahrhafteste herauszulesen.

Die Kuh des armen Mannes

Immer wenn die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung schlecht war, was im ausgehenden 17. Jh. für die Schweizer Landbevölkerung zutraf, stand die Ziege hoch im Kurs. So wurde auch in den europäischen Hungerjahren 1770/71 – Brot war Mangelware – die Ziegenmilch vielerorts zum Hauptnahrungsmittel. Wie sich dann der Rückgang des Ziegenbestandes in der Schweiz im ersten Drittel des 19. Jh. erklären lässt, ist nicht bekannt.
Ab den 30er-Jahren des 19. Jh. erfolgte dann wieder eine rasche Zunahme, die zwischen 1870 und 1950 in einem Maximalwert des schweizerischen Ziegenbestandes von über 400"000 Tieren gipfelte. Damals zählte man in der Region Basel gar bedeutend mehr Ziegen als Schafe (Grafik). Viele Kleinbauern hatten weder Platz noch Geld für eine Kuh. Sie konnten sich aber eine «Geiss» leisten, die zumindest einen Teil des Milch- und Fleischbedarfs der Familie deckte. Die Vermehrung der Ziegenhaltung nahm dabei nicht nur in Bauern- sondern auch in Industriegemeinden zu, wo die Arbeiterbevölkerung die Landwirtschaft oft als Nebenberuf betrieb.

Drastische Abnahme – Tendenz steigend

Hand in Hand mit der ökonomischen Besserstellung breiter Volksschichten und der Rationalisierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der Ziegen ab. Das Minimum von weniger als 69"000 Tieren erreichte der Schweizer Ziegenbestand in den 1970er-Jahren. Seither macht sich wieder eine leichte Zunahme bemerkbar, was sich auch in den Viehzählungen der Nordwestschweiz manifestiert. Die heute etwa 87"000 schweizweit erfassten Ziegen lassen sich in sieben vom Bund offiziell anerkannte und unterstützte Rassen einteilen. Jede vierte «Geiss» gehört zur weissen Milchrasse der Saane-Ziegen.

Bessere Zukunftsaussichten

Trotz der geringen Bedeutung der Ziegenhaltung in der Schweizer Landwirtschaft gehören die kleinen Nutztiere ins bäuerliche Bild unserer Berggebiete. Dort spielt der aus Ziegenmilch hergestellte Käse auch eine wichtige Rolle als Nischenprodukt. Produkte aus Ziegenmilch, wie auch zartes Gizzifleisch (Fleisch von Jungtieren) sind als Delikatesse auch in urbanen Gegenden zunehmend gefragt.
Im Agrotourismus und in Tierpärken zählt man in den letzten Jahrzehnten zunehmend auch auf die Dienste des sympathischen Meckerers. In der Region Basel sind es vorwiegend Nebenerwerbsbauern und Ziegenliebhaber, die kleinere Ziegenherden halten. Sie leisten damit auch einen Beitrag zur Landschaftspflege und damit einhergehend zur Förderung der Biodiversität.
EB

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Weiterführende Links

Literatur

  • Haus Kai: Schafe halten, Franckh-Kosmos Verlag-GmbH & Co. KG, Stuttgart 2016.
  • Iseli-Trösch Karin et al.: Schafe und Ziegen, Broschüre, Landwirtschaftlicher Informationsdienst, Bern, Ausgabe 08.10.20"/12.13.20".
  • Meier-Küpfer Hans: Pflanzenkleid im Wandel – Entwicklung in und um Basel seit 1600, Birkhäuser-Verlag, Basel 1992.
  • Sambraus Hans Hinrich: Nutztierkunde, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 1991.
  • Weiss Urs et al.: Schweizer Ziegen, Birkenhalde-Verlag, Winterthur 2005.

Tabellen und Diagramme

 
Zusammengestellt aus: Statistisches Jahrbuch des Kantons BL / Viehzählungen aus http://old.bl.ch / Bundesamt für Statistik