Meliorationen

Meliorationsmassnahmen wurden in der Schweiz in den vergangenen hundert Jahren fast flächendeckend durchgeführt. Ihr Einfluss auf die Umgestaltung der Kulturlandschaft war gewaltig. Vor allem mit dem Nationalstrassenbau in den Nachkriegsjahren folgte eine rege Güterzusammenlegung in den Talgebieten. In den 1970er-Jahren wurden in vielen Gemeinden umspannende Wasserversorgungen erstellt, welche auch als Meliorationen bezeichnet werden. Mitte der 1990er-Jahre wurde ein Meliorationsleitbild erarbeitet.




«Die Felderregulierung ordnete neu den Grundbesitz von 230 Landeigentümern und Landeigentümerinnen mit einer Fläche von 480 Hektaren Feld und 224 Hektaren Wald. Es entstanden grössere Parzellen, welche durch Erneuerung und Ergänzung des Wegnetzes gut bewirtschaftbar sind.Sechs Landwirte erstellten neue Höfe. Der arrondierte Grundbesitz erlaubt allen Bauern, ihre Betriebe zukunftsorientiert, tierschutz- und umweltgerecht zu bewirtschaften. Gewässer, Ufer und andere Naturschutzobjekte sind ins Eigentum der Gemeinde und des Kantons übertragen worden. Die Plangrundlage aus dem Jahre 1847 wurden durch neue Grundbuchpläne ersetzt.» Erinnerungs- bzw. Informationstafel im Rebberg Widholen, Wintersingen, März 1998.

Meliorationen im 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jh.

Bis ins 19. Jh. verstand man unter Melioration den Hochwasserschutz, die Bewässerung, Trockenlegungen, Wildbachverbauungen und Gewässerkorrektionen zur Sicherung von Siedlungen sowie zur Gewinnung und Verbesserung von Kulturland. In unserer Region wurden alle grossen Flüsse wie Rhein, Birs, Wiese, Ergolz und Frenke im 19. Jh. begradigt. Im 20. Jh. erfuhr der Begriff eine Ausweitung: Er umfasste nun auch Massnahmen wie die Güterzusammenlegung und den Erosionsschutz und wurde schliesslich gleichbedeutend mit der umfassenden Restrukturierung des ländlichen Raumes, die sogenannte Gesamtmelioration.
Güterzusammenlegungen, welche auf dem kantonalen Felderregulierungsgesetz von 1895 basierten, fanden teilweise über Jahrzehnte statt, z.B. in Muttenz von 1904 bis 1939. Hintergrund und Ursache dieser Güterzusammenlegungen war die Bevölkerungszunahme. Man wollte mit diesen Massnahmen die Versorgungssicherheit der Bevölkerung sicherstellen. In erster Linie sollte die im Rahmen der Dreifelderwirtschaft entstandene Güterzersplitterung rückgängig gemacht werden. Diese Zersplitterung entstand durch Erbteilung, die sog. Realteilung, bei der das Land auf alle Kinder verteilt wurde. Mit diesem Erbverfahren verkleinerten sich die Parzellen immer mehr. Eine rationellere Nutzung der Felder war also zwingend.
Da das Wegnetz aus der Zeit der Dreifelderwirtschaft rudimentär war, wurde es zu Beginn des 20. Jh. neu angelegt. Die im Hinblick auf eine bessere landwirtschaftliche Nutzung durchgeführten Güterzusammenlegungen waren mehr oder weniger Rahmenbedingungen für das in den Agglomerationsgemeinden von Basel damals gleichzeitig entstandene Strassen- und Wegnetz. Solche Verkehrswege, wie sie zum Beispiel in Muttenz durch die Güterzusammenlegung entstanden sind, änderten durch die Entwicklung ihre Funktion und dienten dann oft als Erschliessungsstrassen für Bauland. Die dadurch entstandenen Auswirkungen auf das Landschaftsbild waren gross.

Kriegsjahre und Wirtschaftsboom

Zur Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion wurde in den Kriegsjahren 1939-1945 die Meliorationstätigkeit intensiviert (Anbauschlacht). Nach dem Krieg leitete man die sog. Innenkolonisation ein mit dem Ziel, bessere Lebens- und Produktionsbedingungen im ländlichen Raum zu schaffen.
Ende der 1950er-Jahre wurde erneut dazu aufgerufen, Güterzusammenlegungen, Strassen- und Wegbauten, Drainagen, Spezialisierungen von Kleinbetrieben sowie Rationalisierungen des Betriebsablaufs vorzunehmen. Die Güterzusammenlegungen bekamen mit dem Einsatz von Bulldozern eine neue Dimension. Mit ihrer Hilfe war es möglich geworden, die Bodennutzung ohne Rücksicht auf geomorphologische, historische und natürliche Gegebenheiten das Gelände völlig umzugestalten. Für den Bau der Autobahnen Mitte des 20. Jh. musste viel Land erworben werden, was eine rege Zusammenlegungstätigkeit auslöste, z.B. in Arisdorf (1957-1982).

Fallbeispiel Gesamtmelioration Wintersingen 1983 bis 1994

Das Fallbeispiel Wintersingen zeigt die Auswirkungen einer Gesamtmelioration auf Natur und Landschaft. Zahlreiche Klein- und Kleinststrukturen in der Landschaft sind durch die Melioration verschwunden (siehe Statistik). Dazu gehören Gräben und Tälchen ebenso wie Geländestufen oder Krautsäume. Die Kleinstrukturen nehmen in der Regel nicht viel Raum ein, sind aber für viele Tier- und Pflanzenarten wichtige Refugien. So sind etwa Lesesteinhaufen bedeutende Reptilienstandorte.
Insgesamt wurden 21 km Drainagen und Wegentwässerungen errichtet. 9,3 km neue Wege wurden gebaut. Das Rebareal nahm um 38% zu. Gleichzeitig wurden die Bruchsteinmauern zwischen den Rebflächen um 50% dezimiert, Sträucher wurden entfernt. Die Niederstamm-Obstanlagen nahmen um 39% zu. Hochstammbäume in der offenen Landschaft wurden als Produktionshindernisse zusammen mit vielen weiteren Strukturelementen aus der Landschaft entfernt.

Heutige Meliorationen

Mit der Änderung des Bundesgesetzes über die Landwirtschaft im Jahr 1998 wurde auch in Baselland die kantonale Regelung auf das neue Meliorationsleitbild ausgerichtet. Bei neuen Meliorationen werden die einzelbetrieblichen Massnahmen meist einvernehmlich vereinbart (Bauern, Naturschützer, Einwohner, Gemeinde etc.). In jüngster Zeit wurden Gesamtmeliorationen in Roggenburg, Wahlen, Blauen und Brislach durchgeführt oder begonnen.
Gemäss dem 1993 erarbeiteten Meliorationsleitbild sollen moderne Meliorationen als Instrument der Raumplanung, des Natur- und Landschaftsschutzes sowie der Strukturverbesserung in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Theoretisch lassen sich damit auch umweltschützerische Massnahmen wie die Schaffung von ökologischen Ausgleichsflächen und Vernetzungen sowie Revitalisierungen von Gewässern verwirklichen. Zurzeit (2013) ist eine Gesamtmelioration in Rothenfluh im Gang.
HPM

Karten

Luftbilder

Verwandte Themen

Weiterführende Links

 

Literatur

  • Ewald Klaus und Klaus Gregor: Das Fallbeispiel Wintersingen. In: Die ausgewechselte Landschaft, S. 178-183, Bern 2009.
  • Kröpfli Christian: Besonderheiten im Meliorationsverfahren Basel-Landschaft. In: Informationen Ländliche Entwicklung 2012, Bundesamt für Landwirtschaft, S. 27 ff ( pdf)
  • Tanner Karl Martin & Zoller Stefan: Zum Ausmaß von Landschaftsveränderungen durch Meliorations-Eingriffe. Eine vergleichende Untersuchung in den Gemeinden Wintersingen, Arisdorf und Ormalingen, Regio Basiliensis 37, Nr. 3, S. 155-166, 1996.
  • Tanner Karl Martin & Zoller Stefan: Die Landschaft als Wahrnehmungsproblem in Werk, Bauen + Wohnen [Schweizer Ausgabe], Vol. 84 (1997), dx.doi.org/10.5169/seals-63650
  • Tanner Karl: Augenblicke, Bilder zum Landschaftswandel im Baselbiet, Liestal 1999.

Tabellen und Diagramme


Für grosse Karte in neuem Fenster: Klick auf Karte!
 
Die Auswirkungen der Gesamtmelioration in der Gemeinde Wintersingen auf wichtige Landschaftsstrukturen
Veränderung landschaftliche Strukturelemente 1983-1994, Abnahme in % (Basis 100% 1983)
Quelle: Tanner Karl Martin & Zoller Stefan, 1997
 
Visualisierung Melioration Blauen
Diese Szenarien wurden zur Anregung der Diskussion zwischen der betroffenen Bevölkerung und den Planern bezüglich eines möglichen Aussehens der Landschaft in der Gemeinde Blauen verwendet. Es handelt sich nicht um realistische Planungsvarianten der Melioration! Man versuchte mit diesen Visualisierungen die Bevölkerung mehr in den Planungsprozess einzubinden.
Für grosses Bild in neuem Fenster: Klick auf Bild!

Standort der Visualisierung: Flurgebiet Oberfeld auf dem westlichen Flurweg mit Blickrichtung Dorf Blauen.
  • Ist-Zustand: Dieser zeigt auf der rechten Seite ein Getreidefeld und links eine intensiv genutzte Wiese. Zentrales Merkmal im Bild sind die Obstbäume, wie sie heute im Oberfeld vorzufinden sind.
  • Szenario 1: In diesem wird gezeigt, wie sich die Landschaft präsentieren würde, falls sämtliche Obstbäume gefällt würden. Dadurch würde die Sicht auf Gebäude und besonders die St. Martin Kirche auf der rechten Seite frei. Aber die grösste Veränderung ist das Weglassen des Flurwegs. Dadurch ergeben sich sehr grosse Parzellenflächen und eine ökonomisch optimale Bewirtschaftung. In der Bildmitte erkennt man am Dorfrand eine intensive Obstanlage mit ihrem weiss leuchtenden Witterungsschutz.
  • Szenario 2: Dieses offenbart ein Bild vom Oberfeld, falls gemäss der Szenariovorgabe etwa 300 Obstbäume in den 4 Landschaftsräumen entfernt würden.
  • Szenario 3: In diesem Szenario werden alle Bäume erhalten und die Wiese auf der linken Seite wird hier extensiv genutzt, was durch die längeren Grasshalme und das Wachsen von Margerite und Wiesen-Bocksbart dargestellt wird.
Quelle Bilder und Text:
Glaus Martin : Landschaftsvisualisierungen im Rahmen der Melioration Blauen (BL) – Der Einsatz von 3D-Bildern im partizipativen Planungskontext. Masterarbeit im Rahmen eines Projekts in Zusammenarbeit der Gemeinde Blauen (BL), der Fachstelle Melioration des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain (www.lze.bl.ch) und des Fachbereichs Planung von Landschaft und Urbanen Systemen (PLUS, www.plus.ethz.ch), Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung (IRL) der ETH Zürich, 2011.