Einwanderung neuer Arten

Asiatischer Marienkäfer, Buchsbaumzünsler, Japanischer Staudenknöterich: dies sind Beispiele exotischer Tiere und Pflanzen, die es in den letzten Jahren in die Schlagzeilen der lokalen Medien geschafft haben. Alle sind sie gebietsfremde Arten, sogenannte Neobiota, deren Ausbreitung sichtbare und teilweise problematische Folgen für die einheimische Flora und Fauna hat. Regelmässige absichtliche oder unabsichtliche Einschleppungen von Neobiota sind die Folge eines globalisierten Waren- und Personenverkehrs.




Im Schlepptau des Menschen

Unter Neobiota versteht man Organismen, welche durch menschlichen Einfluss in einem Gebiet verbreitet wurden, in dem sie ursprünglich nicht vorgekommen sind. Die entsprechenden Pflanzen werden als Neophyten bezeichnet, die Tiere als Neozoen. Als Neobiota gelten nur Organismen, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 eingeführt wurden. Gebietsfremde Pflanzen und Tiere, die bereits vor dieser Zeit verbreitet waren, werden als Archäophyten beziehungsweise Archäozoen bezeichnet.
Der Begriff Neobiota ist zumeist negativ geprägt, da die Neuankömmlinge oft nur Schlagzeilen machen, wenn sie invasiv sind. Dies bedeutet, dass sie sich effizient vermehren und ausbreiten und dabei in den Bereichen Biodiversität, Gesundheit oder Ökonomie Schäden verursachen. Folgenschwer kann die Einführung von Neobiota vor allem in Gebieten sein, die sich über sehr lange Zeit isoliert entwickeln konnten und deren spezielle Tier- und Pflanzenwelt anfällig für Störungen ist. So hatte beispielsweise in Neuseeland die Einschleppung von Ratten, Katzen und anderen Säugetieren die Ausrottung von beinahe der Hälfte der heimischen Tierarten zur Folge. In der Schweiz hat die Mehrzahl der Neobiota keine negativen Effekte auf die ursprüngliche Flora und Fauna. So gelten von den etwa 350 vorkommenden Neophyten nur rund 10% als problematisch.

Verbreitung von Neobiota

Viele Neobiota wurden absichtlich als Zierpflanzen eingeführt wie zum Beispiel die Kanadische Goldrute, der Götterbaum und der Sommerflieder. Andere wurden als Nutzpflanzen oder -tiere verbreitet, so die aus Nordamerika stammende Robinie in der Forstwirtschaft oder die Regenbogenforelle als relativ anspruchsloser Angelfisch. Auch werden immer wieder exotische Tiere und Pflanzen, die aus dem Tierhandel stammen, von überdrüssigen Haltern in natürlichen Lebensräumen «entsorgt». Der Grossteil der Neobiota jedoch wurde und wird unabsichtlich eingeschleppt. Die ständig wachsende Mobilität, neue Land- und Wasserwege und der internationale Warenverkehr verschaffen Tieren und Pflanzen neue Ausbreitungsmöglichkeiten oder eine Reise als blinder Passagier. Insbesondere Pflanzensamen, aquatische Organismen und kleine Tiere wie Insekten werden so leicht verbreitet.
Besonders anfällig für Invasionen durch Neobiota sind Gewässer, die durch den Schiffsverkehr miteinander verbunden sind. Da Eier, Larven und Adulttiere von Krebsen, Muscheln und anderen Kleintieren an Bootsrümpfen haften oder von Güterschiffen mit dem Ballastwasser aufgenommen werden, werden sie leicht von einem Fluss zum nächsten verfrachtet. Zudem können neue Wasserwege die Verbreitung von Neozoen begünstigen. So führte die Fertigstellung des Rhein-Main-Donaukanals im Jahre 1992 zu einem intensiven Faunenaustausch zwischen den bis dahin zoogeografisch getrennten Flusssystemen des Rheins und der Donau. Die Bekämpfung eingeführter Neobiota gestaltet sich in Gewässern deutlich schwieriger als auf dem Land und ist meist nicht möglich. Unabhängig von diesen Verbreitungswegen werden durch den Klimawandel neue Umweltbedingungen geschaffen, welche die Etablierung und Ausbreitung mancher Neobiota begünstigen.
Erst in den letzten Jahrzehnten setzt sich langsam das Bewusstsein durch, dass die Einführung gebietsfremder Arten schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Trotz wachsender gesellschaftlicher Sensibilisierung in diesem Bereich werden sich aber in einer globalisierten Welt zufällige Verschleppungen von Tieren und Pflanzen auch in Zukunft nicht vermeiden lassen.

Neozoen in der Region

Ein bekanntes und früh eingeschlepptes Neozoon von wirtschaftlicher Bedeutung ist der Kartoffelkäfer, der mit Kartoffelpflanzen im 19. Jh. aus Nordamerika in die alte Welt reiste. Aktuelle Beispiele eingeschleppter Insekten sind die Rosskastanienminiermotte, die Asiatische Tigermücke oder der ostasiatische Buchsbaumzünsler. Letzterer verursacht grosse Frassschäden an Buchsbäumen und hat auch den wilden Buchswald beim Hornfelsen oberhalb Grenzach-Wyhlen massiv geschädigt. Ein weiteres auffälliges und invasives Neozoon ist der Asiatische Marienkäfer, der erst seit 2006 in der Schweiz vorkommt. Der Käfer, der dem häufigen Siebenpunkt-Marienkäfer ähnlich sieht aber meist deutlich mehr Punkte trägt als dieser, verbreitet sich rasant und scheint einheimische Marienkäferarten zu verdrängen.
Die Ausbreitung von Neobiota in Gewässersystemen fällt wegen der Unzugänglichkeit des Lebensraums meist nur Fachleuten auf, obwohl sich gerade hier die massivsten Invasionen abspielen. Die Verbreitung von Organismen über die Binnenschifffahrt führte dazu, dass Neozoen heute über 90% der Wirbellosen-Biomasse im Rhein bei Basel ausmachen. In grosser Zahl treten hier vor allem der aus dem Donauraum stammende Grosse Höckerflohkrebs und die Donauassel sowie die asiatische Grobgerippte Körbchenmuschel auf. Aber auch neue Fischarten sind in der Region angekommen. So wurde zum Beispiel der Rapfen – ein bis 80 Zentimeter langer Raubfisch – 1994 erstmals im Schweizer Rhein beim Kraftwerk Birsfelden gefangen. Er hat in den letzten Jahren grosse Bestände gebildet.

Neophyten in der Region

Der Grossteil der invasiven Neophyten wurde ursprünglich als Zierpflanze eingeführt. Auf der Schwarzen Liste der invasiven Neophyten der «Schweizerischen Kommission zur Erhaltung der Wildpflanzen» stehen deshalb beliebte Zierpflanzen, wie der Kirschlorbeer oder der Sommerflieder. Zu den problematischsten Neophyten in der Region gehören der Japanische Staudenknöterich und das Drüsige Springkraut. In Einzelfällen können Neobiota auch gesundheitsschädigend wirken. Beispielsweise gilt das Beifussblättrige Traubenkraut (Ambrosia) als besonders gefährliches Unkraut, da der Pollen- und Pflanzenkontakt heftige Allergiereaktionen auslösen kann. Für die aus Nordamerika stammende Pflanze besteht durch die Pflanzenschutzverordnung zum Landwirtschaftsgesetz seit 2006 eine Melde- und Bekämpfungspflicht.

Wie schädlich sind invasive Neobiota?

Es steht ausser Frage, dass die Einführung fremder Arten schwere und irreversible ökologische und wirtschaftliche Folgen haben kann. Es ist jedoch oft schwierig abzusehen, wie sich die Populationen von Neobiota langfristig entwickeln werden. Für verschiedene Arten zeigte sich, dass sich nach einer anfänglichen Phase der Massenvermehrung eine Stabilisierung der Population auf tieferem Niveau einstellen kann. Dies wurde zum Beispiel für die Zebramuschel im Bodensee oder den Schlickkrebs im Hochrhein beobachtet. Umgekehrt ist es aber auch möglich, dass Neobiota nach jahrelanger unproblematischer Anwesenheit plötzlich invasiv werden, wie es beim Beifussblättrigen Traubenkraut in Süddeutschland der Fall war.
DK / JS

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Weiterführende Links

Literatur

  • Dönni Werner und Freyhof Jörg: Einwanderungen von Fischarten in die Schweiz. Rheineinzugsgebiet. Mitteilungen zur Fischerei Nr. 72. BUWAL, Bern 2002. pdf
  • Gigon Andreas und Weber Ewald: Invasive Neophyten in der Schweiz: Lagebericht und Handlungsbedarf. Bericht zu Handen des BUWAL, Bern 2005. pdf
  • Limat Marc, Masé Guido: Biber gut, Ambrosie böse? In: Landschaften & Menschen im Baselbiet, Baselbieter Heimatbuch 29, Verlag Basel-Landschaft, Liestal 2013, S. 123-130.
  • Rey Peter et al.: Wirbellose Neozoen im Hochrhein. Ausbreitung und ökologische Bedeutung. Schriftenreihe Umwelt Nr. 380. BUWAL, Bern 2004.pdf