Bäche

Die Natur ist reich an Wasser – idyllische Weiher, ausgedehnte Seen, majestätische Flüsse. Sie alle werden von Bächen gespeist, oft namenlosen, aus denen die Natur ein beeindruckendes Wassernetz geformt hat. Die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften wird unter anderem durch die Wasserströmung und durch Turbulenzen oder durch die Uferbeschaffenheit bestimmt, Faktoren, die im Weiher, Teich oder Tümpel keine, in grossen Seen nur eine geringe Bedeutung spielen. Das Wasser von Bächen ist wegen diesen Turbulenzen sauerstoffreicher als das der stehenden Gewässer.




Der Bach – Lebensader der Landschaft

Bevor ein Fliessgewässer zum Fluss wird, ist es ein Bach. Fliessgewässer verändern ihr Gesicht in Längsrichtung kontinuierlich, weshalb sie in verschiedene Zonen unterteilt werden (Ober-, Mittel- und Unterlauf).
Viele unterschiedliche Faktoren bestimmen den Charakter eines Baches, beispielsweise die Wasserführung. Nicht nur geologische Gründe wie zum Beispiel die Steilheit des Geländes oder die Durchlässigkeit der Kalkgesteine sind Gründe, weshalb Bäche eine äusserst schwankende Wasserführung aufweisen. In Jahreszeiten mit geringen oder mässigen Niederschlägen fliessen die Wasserläufe als klare Gewässer. Zur Zeit der Schneeschmelze jedoch und in Regenperioden schwellen sie zu schmutzigen Fluten an, treten über die Ufer und reissen sogar Brücken fort.
Ein Bach besteht aus verschiedenen Teillebensräumen, die alle eine an die besonderen Gegebenheiten angepasste Flora und Fauna beherbergen und zu den artenreichsten Biotopen der Schweiz zählen. Die Auenwälder werden wegen ihrer Artenvielfalt auch die Regenwälder Europas genannt. Sie sind nicht nur für Pflanzen und Tiere wichtig, sondern sind auch für uns Menschen wertvolle Erholungsräume.

An einem Bächlein helle…

Ein natürlicher Bachlauf hat Abschnitte mit unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten. Seggen und Binsen sowie viele Insektenlarven finden im langsam fliessenden Wasser ihren Lebensraum. Hier und im fischfreien Quellbereich setzen die Feuersalamanderweibchen ihre fertig entwickelten Larven ab. In schneller fliessenden Abschnitten ziehen sich Insektenlarven in die Uferzone zurück. Das stark sauerstoffangereicherte Wasser ist Lebensgrundlage für die Bachforelle.
Die natürlichen Windungen eines Baches, mit dem steil abfallenden Ufer des Prallhangs (Kurvenaussenseite) und den Schotter- und Sandbänken des Gleithangs (Kurveninnenseite) sind für manche Tiere von besonderer Bedeutung. So bauen seltene Vögel wie der Eisvogel oder die Uferschwalbe am steilen Prallhang ihre Nisthöhlen. Ein Bach ändert sein Gesicht durch Erosion und periodische Überschwemmungen bei Hochwasser immer wieder; zahlreiche Pflanzen- und Tierarten sind auf die dadurch immer wieder neu entstehenden speziellen Standorte angewiesen.
Die Auenwälder mit diversen Weidenarten, Eschen, Erlen oder Pappeln gedeihen an Orten, die jährlich einige Zeit unter Wasser stehen. Krebse und Fische verstecken sich in deren Wurzeln, die oft bis in den Tiefwasserbereich vorstossen. In der Krautschicht des Ufers kann man Spierstauden (Filipendula ulmaria), Zottige Weideröschen (Epilobium hirsutum), Rohr-Glanzkräuter (Phalaris artundinacea) und Scharfkantige Seggen (Carex acutiformis) entdecken. Auch können hier Blut-Weideriche (Lathyrum salicaria) und Gelbe Schwertlilien (Iris pseudacorus) eingestreut sein. Ein intakter Pflanzensaum am Bachufer bietet nicht nur verschiedenen Tiergruppen wie Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien und Insekten Zuflucht und Lebensraum, sondern schützt das Ufer vor Erosion bei Hochwasser.

Bedrohter Lebensraum

Der Reichtum der Lebensräume am Bach ist bedroht. In der Schweiz gibt es heute kaum mehr natürliche Flüsse und Bäche. 90 Prozent der Fliessgewässer verlaufen begradigt, kanalisiert, eingedolt (überdeckt oder in Rohre gelegt) oder sind gestaut. Die Ufer und Bachsohlen wurden befestigt. Der Mensch mit seinen wachsenden Ansprüchen nach immer mehr Landwirtschaftsfläche und immer mehr Bauland drängte schon im 19. Jh. die Auenlandschaften und Bäche zurück. Streckenweise liegen sie sogar ganz trocken, weil das gesamte Wasser zur Energiegewinnung abgezweigt wird.
Die Bäche werden auch von Abwasser belastet. Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel kontaminieren die Bachläufe zusätzlich. Dass dadurch hunderte von Tier- und Pflanzenarten verschwanden oder in ihrem Lebensraum stark bedroht sind, nimmt man in Kauf.
Erst gegen Ende des 20. Jh. begann der Mensch zu begreifen, wie wertvoll und wichtig ein natürlicher Bachlauf ist. Sie sehen heute ein, dass man unseren Bächen ihren Platz geben muss, nicht zuletzt auch zum Schutz vor Hochwasser oder als Erholungsgebiet. Hat man zwischen 1950 und 1980 viel Geld in die Verbauungen der Bäche investiert, benötigen heute die Renaturierungsprojekte und -massnahmen nicht nur Geld, Fachkräfte und Idealismus sondern auch viel Zeit.

Vom Mühlekanal und anderen Bachläufen

Bereits vor dem 15. Jh. wurden in der Region von den grösseren Flüssen sogenannte Mühlekanäle oder Mühleteiche ab- und später wieder zugeleitet. Man nutzte sie für Branchen, die entweder viel Wasser (Färber, Gerber etc.) oder Wasserkraft (Mühlen, Sägen etc.) benötigten. Die Ufer und Sohlen dieser Kanäle wurden oft mit Steinplatten befestigt, führten nahe den Häusern entlang oder sogar mitten durch die Ortschaften. In Lausen erkannte man den ökologischen Wert des Mühlekanals, der während Jahrhunderten die Wasserräder der Getreide- und Papiermühlen antrieb und die Bewässerung der vorgelagerten Felder sicherstellte. In einem Projekt renaturierte man den Kanal und die angrenzende Ergolz, von der das Wasser stammt, grosszügig. Es ist ein Lebensraum für eine artenreiche Fauna und Flora entstanden. Neben dem Eisvogel kann man Wasseramseln, Gebänderte Prachtlibellen und viele Schmetterlinge beobachten.
Unverbaute, naturnahe Bachläufe, die entlang steiler Felsfluren oder bewaldeter Hanglagen und Auen fliessen, sind in unserer Region zwar selten, dafür aber umso wertvoller. Sie beherbergen je nach Jahreszeit im oder am Wasser Frösche, Molche und Schnecken. Es sind solche Orte, die den Menschen darin bestärken, mehr Anstrengungen in Richtung Revitalisierung der Gewässer zu unternehmen. Teile von Bachläufen, welche man in den 1950er- bis 1980er-Jahren stark begradigte und zum Teil eindolte, deren Sohlen und Uferböschungen pflasterte, verunmöglichen eine Durchgängigkeit für Fische und andere Lebewesen. Oft beeinträchtigt eine schlechte Wasserqualität diesen Lebensraum zusätzlich. Diese Bäche haben noch einen sehr hohen Aufwertungsbedarf; hier müssten die Anstrengungen für eine Revitalisierung ansetzen.
EB

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Weiterführende Links

Literatur

  • Bertelsmann Lexikon Institut: Faszination Natur, Bd. Gemässigete Breiten, Wissen Media Verlag GmbH, Gütersloh/München 2006.
  • Delarze Raymond, Gonseth Yves: Lebensräume der Schweiz, Hep Verlag, Bern 2008.
  • Ellenberg Heinz: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen, Ulmer Verlag, Stuttgart 1996.
  • Ewald Jürg et al: Natur aktuell, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 1989.
  • Klaus Gregor: Gewässer im Baselbiet, «bild geschichten bl», Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 2012.
  • Küry Daniel et al: Die Tierwelt der Region Basel, Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 2011.
  • Lüthi Roland: Natur im Baselbiet Hefte 9, 10 und 11, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 2010.
  • Reichholf Josef: Feuchtgebiete, Mosaik Verlag GmbH, München 1988.
  • Ritter Markus: Vögel in Basel, Hrsg. vom Amt für Stadtgärtnerei und Friedhöfe Kt. BS, Basel 1999.
  • Suter Paul: Beiträge zur Landschaftskunde des Ergolzgebietes, Mitteilungen der Geographisch-Ethnologischen Gesellschaft in Basel, Bd. I, Basel, 1926, Reprint Liestal 1971.