Ruderalflächen – Ödland

Ruderalflächen, also Flächen mit Pionier-Lebensgemeinschaften, entwickeln sich auf steinigem, humusarmem Untergrund. Auf natürliche Weise entstehen sie zum Beispiel nach dem Rückzug von Gletschern, durch Ablagerungen und Umlagerungen von Kies in Auen oder durch Felsstürze. Vielfach bilden sie sich auch als Folge menschlicher Aktivitäten in Kiesgruben, an Bahndämmen oder an Wegrändern. Es sind Flächen, die in der Region Basel von Wärme und Trockenheit liebenden Tieren und Pflanzen, wie der Mauereidechse oder dem Dodonaeus-Weidenröschen besiedelt werden. Ruderalflächen sind selten geworden, weil die natürlichen Entstehungsprozesse unterbunden sind und gleichzeitig die Landnutzung intensiviert worden ist.




Dynamische Flussaue – Motor der Ruderalflächen

Der Begriff «ruderal» stammt vom lateinischen Wort «rudus», das Schutt bedeutet. Er bezeichnet in der Biologie Arten oder Lebensgemeinschaften, die sich auf Schutt oder ähnlichem Untergrund entwickeln. Natürliche Ruderalflächen entstanden früher in der Region Basel vor allem in den Uferbereichen von Fliessgewässern. Die Gewässerdynamik mit ihren Überschwemmungen sorgte für die Entstehung von vegetationsfreien Rohbodenflächen. Natürliche Bäche und Flüsse transportieren Sand, Kies und Steine, die in Hochwasserperioden in grossem Ausmass umgelagert und verfrachtet werden. In den Flussauen bilden sich so stets neue Sand- und Kiesbänke, die arm an organischem Material sind und auf denen sogenannte Pionierpflanzen gedeihen. Diese Pflanzen ertragen Trockenheit und gelegentliche Überflutungen und können sich rasch ausbreiten und regenerieren. Pionierpflanzen werden bei fortschreitender Entwicklung des Bodens und der Vegetation von anderen Pflanzen verdrängt. Auf den Kiesbänken siedeln sich zunächst kurzlebige, krautige Pflanzen an. Unter stabilen Bedingungen folgen dann mehrjährige Stauden, Gräser und Weidengebüsche. Wo die Uferbänke durch regelmässige Überschwemmungen gestört werden, bilden sich dauerhafte Pioniergesellschaften aus.

Natürliche Ruderalflächen werden selten

Obwohl die lückige Pioniervegetation relativ artenarm ist, bietet sie vielen wirbellosen Tieren wie Laufkäferarten oder der Blauflügeligen Ödlandschrecke und der Blauflügeligen Ödlandschrecke Refugien und Futterquellen. Auch Eidechsen und bodenbrütende Vögel wie der Flussuferläufer oder der Flussregenpfeifer finden in diesen Landschaftsstrukturen zusagende Lebensbedingungen vor. In den Resten der Auenlandschaft des Oberrheins haben diese Arten noch überlebt, auf Strecken mit verbautem Ufer nimmt die Vielfalt der typischen Pionierarten deutlich ab. Die im baselstädtischen Inventar der Naturobjekte erfassten Pionierpflanzen wie Krause Distel, Stinkende Schwarznessel, Dunkle Königskerze und Grosse sowie Kleine Klette verdanken heute ihre Existenz der Stadtgärtnerei und dem Tiefbauamt, die geeignete Flächen regelmässig von der Vegetation befreien.

Spezialisten auf kargen Felsflühen

Weitere natürliche Ruderal-Lebensräume in der Region Basel sind die Felsflühe des Juras, wie zum Beispiel das Hofstetter Köpfli, die Lauchflue, die Schartenflue oder die Sissacherflue. Am Fuss der steilen Felsen sammelt sich Feinmaterial von der Verwitterung der Felsen und in Ritzen und auf Vorsprüngen gedeihen Gefässpflanzen wie der Weisse Mauerpfeffer. Trockene Kalkfelsfluren zeichnen sich durch hohe Sonneneinstrahlung, Trockenheit, Nährstoffarmut und starke Temperaturschwankungen aus. Die von Wald beschatteten Kalkfelsfluren sind durch feuchte und schattige Gesteinsunterlagen geprägt und ihr Mikroklima ist konstant. Die Pioniervegetation ist hier reich an Moosen und Farnen oder Blütenpflanzen wie die Moos-Möhringie. Felsfluren ertragen keine intensiven Nutzungen. Deshalb bedrohen übermässige Kletteraktivitäten die Lebensgemeinschaften. Auch zunehmende Verbuschung und Verwaldung als Folge verminderter Waldnutzung können stellenweise zum Problem werden.

Ruderalflächen in der Kulturlandschaft

Wichtige, an den Menschen gebundene Ruderal-Lebensräume finden sich im Landwirtschaftsgebiet auf regelmässig gestörten steinigen Böden wie zum Beispiel Acker- und Wegrändern und auf gut drainierten, brach liegenden Äckern. Viele Ruderalpflanzen sind dank guter Verbreitungsmechanismen und rascher Entwicklung typische Ackerbegleiter und «Unkräuter» , so der Kleinköpfige Pippau oder der Klatschmohn. Auf Brachflächen finden Pionierpflanzen geeignete Nischen. Es entstehen sehr artenreiche Ruderalfluren. Die Agrarlandschaft ist mit zunehmender Intensivierung monotoner geworden und die Zahl der Brachflächen ist zurückgegangen. Auch der zunehmende Herbizideinsatz seit Mitte des 20. Jh., macht den Pflanzen zu schaffen, da die meisten Arten der Ruderalflora sehr empfindlich auf Pflanzenschutzmittel reagieren.

Wertvolle Ersatzlebensräume im Siedlungsraum

Der Verlust natürlicher Ruderalflächen ist meist vom Menschen verursacht, doch entstehen im Siedlungsraum auch neue Strukturen mit vergleichbaren Lebensbedingungen. Auf alten Fabrikgeländen, Kiesflächen und Schuttplätzen oder an Bahndämmen entwickeln sich neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere. In Siedlungen und Industriegebieten finden sich sogar mehr Pionierlebensräume als in der monotonen Agrarlandschaft. Kopfsteinpflaster und historische Mauern oder ein Flussufer mit Blocksatz bieten Lebensräume für Wärme und Trockenheit liebende Tier- und Pflanzenarten. Das DB-Eisenbahngelände im Norden Basels mit seinen ausgedehnten Schotter-, Kies- und Sandflächen ist äusserst artenreich und wurde als Trockenrasen von nationaler Bedeutung eingestuft. Für dieses Areal wurden etwa 35 Vegetationstypen beschrieben, die viele gefährdete Arten, wie das Pariser Labkraut, die Feld-Quecke, den Gestreiften Gänsefuss oder die Zarte Miere enthalten. Auch verschiedene Insektengruppen kommen hier in hoher Diversität vor. Für kleine Sensationen sorgten die Funde der lokal ausgestorben geglaubten Westlichen Smaragdeidechse oder des Alexis-Bläulings.

Förderung von Ruderalflächen

Aus naturschützerischen Überlegungen werden heutzutage bei Bautätigkeiten und in der Landwirtschaft bewusst Ruderalhabitate gefördert. An Randstreifen entlang von Strassen oder Bahnböschungen werden Schotterflächen und Flachdächer müssen naturnah gestaltet werden. Auch beim Bau der Überbauung Erlenmatt auf dem ehemaligen Güterbahnhof der Deutschen Bahn spielten Ruderalflächen bei der Umgebungsgestaltung eine wichtige Rolle. In der Landwirtschaft wird das Einrichten von Brachflächen oder Grünstreifen mit Wildkräutern mit finanziellen Beiträgen unterstützt. In den letzten Jahren wurden an verschiedenen Fliessgewässern der Region grössere Revitalisierungsmassnahmen eingeleitet, so zum Beispiel an der Wiese im Bereich Lange Erlen (1999/2000) und an der Birs zwischen Birsfelden und Zwingen (2002–2010). Dadurch erhalten die Flüsse wieder mehr Dynamik und können wieder Pionier-Lebensräume ausbilden.
DK / JS

Karten

Verwandte Themen

Weiterführende Links

Literatur

  • Burckhardt Daniel et al.: Fauna und Flora auf dem Eisenbahngelände im Norden Basels. Monographien der Entomologischen Gesellschaft Basel 1, 2003.
  • Delarze Raymond und Gonseth Yves: Lebensräume der Schweiz, Ökologie – Gefährdung – Kennarten. Ott Verlag, Bern, 2. Auflage, 2008.
  • Wittig Rüdiger: Siedlungsvegetation. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2002.