Brandkatastrophe Schweizerhalle

Die Einleitung von Abwasser in den Rhein war lange Zeit in den Industriezentren wie Basel der Normalfall. Aufgerüttelt durch die Brandkatastrophe von Schweizerhalle wurde jedoch ein Weg vorgezeichnet, der durch eine bessere Wasserqualität dem Lachs die Rückwanderung ermöglicht.




Der Rhein als Abwasserrinne

Seit dem Wachstum der chemischen Industrie in Basel beklagten die Fischer das Verschwinden der Fische im Rhein und seinen Zuflüssen. Bereits in den 1920er-Jahren und verstärkt ab 1940 wurde der Zustand der Gewässer in der Region Basel untersucht. Abfälle der Produktionswerke, die damals in Basel vor allem Farbstoffe herstellten, wurden ohne Behandlung in den Rhein eingeleitet. Aus dem Flugzeug waren die Abwasserfahnen der in die Rheinmitte verlegten Einleitungsstutzen gut zu erkennen. An den Rheinufern stellte Otto Jaag, der spätere Leiter der Eidgenössischen Anstalt für Wasserwirtschaft, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG), im Jahr 1949 Schaumberge und Wucherungen von Pflanzen fest. Im Kanton Basel-Landschaft wiesen Walter und Hansjörg Schmassmann bei Untersuchungen der Ergolz und der Birs in den 1930er- respektive 1940er-Jahren eine äusserst prekäre Wasserqualität nach. Den Fischern und der übrigen Bevölkerung gelang es schliesslich um 1953, die Politiker zum Handeln zu bewegen. Der Verfassungsartikel zum Gewässerschutz trat in Kraft und zwei Jahre später war das Gewässerschutzgesetz ausgearbeitet.

Gewässerschutzgesetz – vom Paragrafen zur Umsetzung

Der Basler Stadtkanton hat die Gewässerschutzgesetzgebung während Jahrzehnten nur lasch umgesetzt. Basel war die letzte Schweizer Stadt, die eine Abwasserreinigungsanlage in Betrieb nahm. Auch im Kanton Basel-Landschaft und im Jura, der damals noch zum Kanton Bern gehörte, mussten einzelne Betriebe mit Druck zur Einhaltung des Gesetzes bewegt werden. Selbst nachdem im Jahr 1983 die chemischen Industriefirmen gemeinsam mit den Basler Kantonsbehörden die Kläranlage in Betrieb genommen hatten, glich der Gewässerschutz in der Region Basel weiterhin einem Katz-und-Maus-Spiel. Der Industrie «entwichen» immer wieder problematische Abwässer, die oft nur zufällig in den punktuell entnommenen chemischen Analyseproben der Gewässerschutzämter entdeckt wurden. Gelegentlich brauchte es den lautstarken Protest der Fischer oder der Umweltverbände, damit die Einleitungsquellen eruiert wurden. Der grösste Teil der Bevölkerung in Basel hatte sich an dieses Spiel gewöhnt und nie daran gedacht, welche Folgen dies haben könnte. Behörden und Bevölkerung nahmen die jahrzehntelang stattfindende schleichende Verschmutzung des Rheins erst ernst, als sich die grosse Katastrophe bereits ereignet hatte.

Grosse Schädigung der Lebensgemeinschaft im Rhein

Wo die Sirenen funktionierten, heulten diese am frühen Morgen des 1. November 1986 auf und rissen die Bewohner der Region Basel jäh aus dem Schlaf. Patrouillen der Polizei forderten die Bevölkerung über Lautsprecher auf, die Fenster zu schliessen, Radio zu hören und die Wohnung nicht zu verlassen. Aufgeschreckte Personen telefonierten mit ihren Verwandten und Bekannten, um sich nach deren Wohlbefinden zu erkundigen. Das regionale Telefonnetz war dieser Anrufwelle zeitweise nicht mehr gewachsen und brach zusammen. Manch eine Familie packte ihr wichtigstes Hab und Gut, setzte sich ins Auto und machte sich auf in Richtung Mittelland. In der ungewohnten Stille des Samstagmorgens wurde klar, dass die Bewohner der Region Basel im Bezug auf die in die Luft entwichenen Stoffe weitgehend mit dem Schrecken davon gekommen waren. Der Gedanke an die Umwelt kann erst danach: Es dauerte mindestens einen weiteren Tag, bis sich herausstellte, dass der Rhein durch die Einleitung des mit giftigen Pestiziden versetzten, roten Löschwassers die grösste Katastrophe erlebt hatte. Die Fische, vor allem die auf der Gewässersohle lebenden Aale, und die wirbellosen Kleintiere waren in grossen Mengen verendet.

Schweizerhalle – Wendepunkt im Gewässerschutz

Am gleichen Samstagnachmittag fand auf dem Basler Marktplatz eine Kundgebung statt, in der die Emotionen der Bevölkerung hochgingen. Die Entrüstung über das Verhalten von Industrie und Verwaltung war riesig und es bestand ein Konsens, dass sich etwas Vergleichbares nicht mehr wiederholen darf. Mit einem Schlag wurde die Stellung der Internationalen Kommission zum Schutze des Rheins (IKSR) gestärkt. Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle hatte gezeigt, dass der Gewässerschutz koordiniert umgesetzt werden muss. An einer Konferenz im Jahr 1987 haben die Minister der Rheinanliegerstaaten daraufhin das Aktionsprogramm Rhein beschlossen. Dieses sollte den Zustand des Rheins bis ins Jahr 2000 so weit verbessern, dass der Lachs wieder heimisch werden kann.

Von besserer Wasserqualität zum intakten Lebensraum

Für die Europäische Union wird die IKSR zunehmend wichtig, indem aus ihrer Arbeit Richtlinien entstehen, die für die gesamte Union Gültigkeit haben: die Wasserrahmenrichtlinie (2000), die Grundwasserrichtlinie (2006) und die Hochwasserrichtlinie (2007). Ein wichtiges Vorhaben der IKSR ist der «Masterplan Wanderfische Rhein». Dessen zentrale Ziele sind die Verbesserung des Lachs-Einstiegs im Bereich des Haringvliets in den Niederlanden und die Durchgängigkeit der Kraftwerkstaue in und oberhalb von Strassburg sowie die Durchwanderbarkeit der Seitengewässer des Rheins. Eine weitere Herausforderung, die ebenfalls den Fischbeständen zugute kommt, ist eine Gesamtstrategie für das Sedimentmanagement. Mit dieser soll insbesondere eine Verbesserung der Fortpflanzungsmöglichkeiten für Kieslaicher wie Lachs oder Meerforelle erreicht werden. Wichtige Massnahmen in der Region Basel sind die Optimierung des Fischpasses im Kraftwerk Birsfelden und die Verbesserung mehrerer Fischaufstiegshilfen in den Zuflüssen Wiese und Birs.

Bewusstseinsänderung nach Schweizerhalle

Die Brandkatastrophe hat jedoch auch Auswirkungen auf Wirtschaft und Politik gehabt. In der aufgeschreckten Bevölkerung haben sich verschiedene Gruppierungen formiert mit dem Ziel, alles dafür zu tun, dass sich eine solche Katastrophe nicht mehr wiederholt. Die gesellschaftlichen Folgen waren vielfältig und beschränkten sich nicht nur auf die Region Basel. Sie umfassten die industrielle Produktion, die ökologische Forschung, die Gesetzgebung und die Politik. Für die Basler chemische Industrie wurde es zu einer zentralen Aufgabe, das stark angekratzte Image wieder zu verbessern. In der Unternehmenskultur der Firmen wurden die in den regelmässigen Umweltberichten ausgewiesenen Ökobilanzen zu einem Eckpfeiler der Glaubwürdigkeit. Auch der Gesetzgeber erkannte einen Handlungsbedarf. Bestimmungen wie die Störfallverordnung waren direkte Folgen der Brandkatastrophe von Schweizerhalle. Zur Überwachung des Vollzugs dieser Bestimmungen wurden im Kanton Basel-Landschaft das Sicherheitsinspektorat und im Stadtkanton die Kontrollstelle für Chemiesicherheit, Gift und Umwelt gegründet.

Neue Ansätze in der Umweltforschung

In der Schweiz und in Europa sind als Folge der Brandkatastrophe von Schweizerhalle Begriffe wie Risiko und Nachhaltigkeit in der Umweltdiskussion neu aufgetaucht. Und damit auch die Auseinandersetzung, wie Gesellschaft und Politik damit umgehen sollen. Es wuchs die Einsicht, dass weitere wichtige Aspekte der Ökologie des Rheins viel zu wenig bekannt sind: die Kenntnisse der Lebensgemeinschaft und ihrer Dynamik, das Wissen über den Umgang mit Risiken oder die Vorstellungen der Abbauwege chemischer Substanzen im Wasser. In der Region Basel löste dies eine Vielzahl von Untersuchungen aus. An der Universität Basel wurde 1991 die Stiftung Mensch-Gesellschaft-Umwelt (MGU) mit einem interdisziplinären Lehr- und Forschungsangebot ins Leben gerufen und mit einem Betrag von zehn Millionen Franken ausgestattet. Von 1992 bis 2005 finanzierte und koordinierte sie 40 interdisziplinär angelegte Forschungsprojekte.

Ökowunder Rhein?

Die Erfolge der Massnahmen, die nach «Schweizerhalle» eingeleitet wurden, sind beträchtlich. Eine vom Rheinkolleg herausgegebene Schrift mit dem Titel «Ökowunder Rhein» hat die Erfolge aufgezeigt, die in den 20 Jahren nach Schweizerhalle erreicht worden sind. Das IKSR-Programm hat sicher «dem integrierten Denken, das den Rhein als ökologisches Gesamtsystem betrachtet hat, zum Durchbruch verholfen», wie Anne Schulte-Wülwer-Leidig, Biologin an der IKSR in Koblenz, bilanziert hat. Die Belastungssituation hat sich jedoch in der Zwischenzeit wesentlich verändert. Mikroverunreinigungen, die bei Fischen bereits in kleinsten Konzentrationen Veränderungen der Geschlechtsorgane oder Schwierigkeiten bei der Orientierung verursachen können, sind mit den gängigen Abwasserreinigungsanlagen nicht zu eliminieren. In mehreren Pilotanlagen werden derzeit neue Verfahren zum verbesserten Abbau dieser Stoffe erprobt. In den wichtigsten Kläranlagen der Schweiz sollen derartige Zusatzreinigungen zum Einsatz kommen. Dazu gehören die Ultrafiltrationen, die Bestrahlung mit ultraviolettem Licht und Ozonierungsverfahren. Der Rhein ist aber auch, was die Lebensraumstrukturen und die Durchgängigkeit betrifft, noch weit entfernt vom ursprünglichen Zustand. Neben den fehlenden Fischpässen an sechs Staustufen im Oberrhein sind auch am Hochrhein die Lebensräume nach wie vor stark verändert. Eindrücklich kann der Verlust dieser Lebensräume anhand eines Vergleichs mit historischen Fotos oder Gemälden illustriert werden. Die einst reissenden Schnellen am Hochrhein sind verschwunden und von den ausgedehnten Auen des Oberrheins sind heute nur noch kleinste Reste vorhanden.
DK

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Weiterführende Links

Literatur

  • Forter Martin: Farbenspiel. Ein Jahrhundert Umweltnutzung durch die Basler chemische Industrie, 2000.
  • Forter Martin: Falsches Spiel. Die Umweltsünden der Basler Chemie vor und nach «Schweizerhalle», 2010.
  • Rheinkolleg (Hrsg.): Ökowunder Rhein, 20 Jahre nach Sandoz, 2005. download