Waldsterben

«Der Wald stirbt – Der saure Tod – Noch zwanzig Jahre deutscher Wald – Jetzt stirbt der Wald, und dann?». Mit solchen Schlagzeilen hielt 1982 / 1983 ein neues Phänomen Einzug in die Medienlandschaft. Zu Beginn der 1980er-Jahre wurde der Begriff «Waldsterben», oder etwas fachlicher ausgedrückt «neuartige Waldschäden», geprägt.




Wie kam es zum Waldsterben?

In den 1970er-Jahren gaben in Süddeutschland Krankheiten an der Weisstanne Anlass zu Sorge unter den Forstleuten. Zudem waren Meldungen von zusammenbrechenden Wäldern im Erz- und Riesengebirge durch den Schwefelausstoss von Braunkohlekraftwerken an die Öffentlichkeit gedrungen. «Saurer Regen» wurde im Zusammenhang mit versauerten Seen in Skandinavien beobachtet und beschrieben. 1980 veröffentlichte eine Forschergruppe um Professor Ulrich von der Universität Göttingen Ergebnisse einer grösseren Untersuchung über saure Waldböden im Solling bei Göttingen. Erstmals wurden nun die Luftschadstoffe als mögliche Auslöser für sogenannte neuartige Waldschäden in Betracht gezogen. Der Münchner Professor für Forstbotanik, Schütt, postulierte ebenfalls einen Einfluss der Schadstoffe auf mehrere Waldbaumarten und veröffentlichte mehrere Artikel in Fachzeitschriften.
Das Institut für angewandte Pflanzenbiologie in Schönenbuch war eines der ersten Institute in der Schweiz, das sich mit der Waldsterbensproblematik befasste und mit Untersuchungen in der Nordwestschweiz begann. 1984 wurde dann auch das nationale Forschungsprogramm «Sanasilva» an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL ins Leben gerufen, um die sichtbaren Schäden an Waldbäumen zu erforschen.

Wie sah das Waldsterben aus?

Waldkrankheiten und gar absterbende Wälder stellten seit dem 19. Jh. allgemein ein bekanntes Phänomen dar. Ihre Ursachen waren oft lokal begrenzte Rauchgasimmissionen oder aber unbekannten Ursprungs, die dann vor allem nur einzelne Baumarten wie zum Beispiel die Weisstanne betrafen. Bei den neuartigen Waldschäden stellte man fest, dass sie grossräumiger und an den meisten Baumarten auftraten. Die Schadsymptome waren sehr heterogen und die Schadensverteilung sehr diffus. So konnte im gleichen Bestand neben gesunden, schwächelnden bis hin zu absterbenden Bäumen alles vorgefunden werden. An Weisstannen wurden verlichtete Baumkronen durch Nadelverlust, pathologische Nasskerne im Stamm und ein hoher Totastanteil festgestellt.
Die Fichte litt ebenfalls an verlichteten Kronen, Lamettastruktur der Seitenzweige und Nadelverfärbungen und wies einen hohen Totwurzelanteil auf. Bei der Buche wiederum diagnostizierte man vorzeitige Blattvergilbung und frühen Blattfall, schüttere Belaubung der Krone und gehäuftes Auftreten von Dürrästen und Kurztrieben. Dazu kam eine erhöhte Anfälligkeit der Bäume auf Schwächeparasiten wie Hallimasch, Nadelpilze, Borkenkäfer und weitere Pilzkrankheiten und Schädlinge.
Als Ursachenhypothesen waren in der Wissenschaft vor allem drei Hauptrichtungen erkennbar. Der saure Regen, der über die Niederschläge in den Boden gelangte und dort das Feinwurzelwerk der Bäume schädigte. Diese Ursache war in der Region Basel zweitrangig, da die Kalkböden die eingetragenen Säuren gut abzupuffern vermögen. Die Ozon-Hypothese ging davon aus, dass von Verbrennungsmotoren ausgestossene Stickoxide durch Photooxidation (Sonnenlicht) in das reaktive Pflanzengift Ozon umgewandelt werden. Man postulierte eine Schädigung der Zellmembranen, wodurch vermehrt Nährstoffe ausgewaschen werden. Die Stress-Hypothese ging von einem allgemeinen Schwächezustand des Waldes durch den Eintrag von Luftschadstoffen und anderen abiotischen Faktoren aus, die den Wald für viele Schadeinflüsse wie Klimaextreme und Schadorganismen anfällig machten.

Wie reagierten Politik und Gesellschaft?

In den 1970er-Jahren erlebte der Umweltschutz einen raschen Aufschwung und etablierte sich in den Köpfen der Menschen. Die Beeinträchtigung der natürlichen Lebensgrundlagen wie Gewässer, Luft und Boden durch die immer rasanter fortschreitende Industrialisierung und Zersiedelung der Landschaft wurde in der Bevölkerung wahrgenommen. Als Folge davon entwickelte sich eine kritische Haltung gegenüber der ungebändigten Fortschrittsgläubigkeit.
In dieser Zeit wurden die oben angesprochenen Forschungsresultate publiziert, die dann von grossen deutschen Medien wie «Stern» und «Der Spiegel» reisserisch zugespitzt und zu einem medialen Ereignis hochstilisiert wurden. Dazu kam der geringe Wissensstand der offiziellen Naturschutzbehörden in dieser Sache, die fachlicher und überlegter hätten argumentieren können. So lagen die Informationsquellen vorwiegend in der Hand von Umweltschutzorganisationen und den Medien, die häufig berichteten, dies aber nicht immer mit dem nötigen Sachverstand. Innert kurzer Zeit war das Waldsterben Umweltthema Nummer Eins. Dies blieb nicht ohne Wirkung auf eine verunsicherte Bevölkerung und verursachte eine enorme politische Resonanz. Im Februar 1985 wurde in Bern sogar eine Sondersession zum Thema Waldsterben durchgeführt.

Welche Konsequenzen hatte das Waldsterben?

Das Waldsterben ist heute weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Für einige Politiker war es die Jahrhundertlüge per se. Die Szenarien waren sicher übertrieben und ein Zusammenbruch der Wälder fand glücklicherweise nicht statt. Die ergriffenen Massnahmen waren hingegen über das Waldsterben hinaus trotz allem sinnvoll. Innert kurzer Zeit konnte im Dezember 1985 die Luftreinhalte-Verordnung LRV in Kraft gesetzt werden. Sie kam unmittelbar den Lungen vieler Menschen zugute, denn Luftverschmutzung verursacht in der Schweiz mehrere tausend Tote pro Jahr. Die eingeführte Tempolimite im Strassenverkehr von 80/120 war immerhin ein Beitrag zur Verkehrssicherheit.

Wie geht es dem Wald heute?

Mittlerweilen kann man auf Langzeitstudien von rund 30 Jahren zurückblicken und hat damit eine deutlich bessere Datenbasis als noch in den 1980er-Jahren. Eines der Hauptprobleme scheint der massiv erhöhte Stickstoffeintrag aus der Luft zu sein. Dieser ist etwa drei mal höher als noch vor 100 Jahren. Die überhöhte Stickstoffdüngung verursacht in den Waldbäumen einen nachweisbaren Versorgungsengpass mit anderen Nährstoffen wie Phosphor, Kalium und Magnesium. Dieses Nährstoffungleichgewicht führt zu vermindertem Triebwachstum, höherer Anfälligkeit gegenüber Insekten und Pilzkrankheiten sowie erhöhten Dürreschäden während Trockenperioden. Die hohe Stickstoffbelastung stammt zu zwei Dritteln aus der Landwirtschaft und einem Drittel aus Industrie und Verkehr. Der Wald leidet demnach vielerorts unter den schleichend negativen Auswirkungen, die hauptsächlich vom Menschen verursacht sind.
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Weiterführende Links

Literatur

  • Flückiger Walter, Braun Sabine: Wie geht es dem Wald? – 25 Jahre Walddauerbeobachtung, Interkantonales Walddauerbeobachtungsprogramm, Bericht 3, Schönenbuch 2009.
  • Hatzfeld Hermann Graf (Hrsg.): Der Wald stirbt! – Forstliche Konsequenzen, Verlag C.F. Müller, Karlsruhe 1984.
  • Klein Elmar: Das war das Waldsterben!, Rombach Verlag, Freiburg i.Br., Berlin, Wien, 2008.
  • Schütt Peter et al.: So stirbt der Wald, BLV Verlagsgesellschaft mbH, München 1985.
  • Wentzel Karl-Friedrich: Was bleibt vom Waldsterben? Schriftenreihe des Instituts für Forstpolitik der Universität Freiburg, HochschulVerlag, Hamburg 2001.