Waldweiden – Wytwald

Da seit dem Mittelalter die Landwirtschaft in Form der Dreifelderwirtschaft betrieben wurde, stellte sich ein Mangel an Weideflächen ein. Als Abhilfe liess man die Tiere auf der Allmend und der Brache weiden – und im Wald. In Letzterem entstand dadurch eine typische Waldform: die Waldweide. Aufgrund späterer Umnutzungen sind Waldweiden selten geworden, stellen aber einen wichtigen Lebensraum für seltene Arten dar.




Beweidung schafft lockere Wälder

Waldweiden oder Wytwälder sind Wälder, in die das Vieh zur Weide getrieben wurde. Die Weidenutzung verhindert das Aufkommen eines dichten Waldbestands. Wytwälder würden aus heutiger Sicht eher als lockere Baumbestände mit dazwischen liegenden Wieslandflächen bezeichnet werden denn als Wälder. Das einfallende Licht hat Auswirkungen auf den Wuchs der Bäume: Während die Bäume in den heute für die Schweiz charakteristischen Hochwäldern lange Stämme ausbilden und sich die Baumkronen erst hoch oben ausbilden, besitzen die frei stehenden Bäume der Wytwälder kurze Stämme, tief liegende Kronen und weit ausladende Äste.

Bewirtschaftungsform aus dem Mittelalter

Waldweiden sind ein Produkt der mittelalterlichen Waldbewirtschaftung. Diese fand nach dem Schema der Dreizelgenwirtschaft statt: Die Ackerfläche wurde in drei Teile («Zelgen») geteilt und im jährlichen Wechsel mit Sommer- und Winterkorn bebaut oder brach belassen. Auf den Brachen und der Allmend liess man das Vieh weiden. Da das nutzbare Land knapp war, wurde das Vieh zur Weide auch in den Wald getrieben. Für die Bepflanzung wurden meist Eichenbäume gewählt, sodass der Wytwald nicht allein als Weidefläche, sondern auch für die Eichelmast der Schweine genutzt werden konnte. Bisweilen wurde die Waldgrösse der Anzahl Schweine angepasst, die darin gemästet wurde.

Niedergang der Waldweide

Nach der Kantonstrennung im Jahr 1833 mussten die Gemeinden im Baselbiet mehr Holz nutzen, um Einnahmen zu erhalten. Gleichzeitig wurden für den Bau der alten Hauenstein-Eisenbahnlinie grosse Mengen an Holz benötigt. Schliesslich erwirkte im Jahr 1898 das Bundesgesetz über den Wald die Abschaffung «schädlicher Nutzungen» wie der Waldweide. Auf der anderen Seite konnte dank Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft zunehmend auch Tierfutter angebaut werden. Das Vieh blieb häufiger im Stall, auf die Flächen des Waldweiden konnte verzichtet werden. Die Eiche verschwand mehr und mehr aus den Wäldern, da die Eichelmast nicht mehr praktiziert wurde. Buchen und Föhren wurden aufgrund ihrer Holzeigenschaften bevorzugt.

Naturschutzgebiet Wildenstein

Erstaunlicherweise liess diese Entwicklung den Wytwald des heutigen Naturschutzgebiets Wildenstein unberührt. Das Schloss Wildenstein stammt aus dem 13. Jh. und befand sich in Privatbesitz. Wegen verbriefter Rechte auf Wald und Weide wurde die Nutzung durch die Kantonstrennung nicht tangiert. Zudem erachteten die Besitzer ihren Wytwald als etwas Besonderes und waren darum bestrebt, ihn zu erhalten. Dank dieser glücklichen Umstände kann im Naturschutzgebiet Wildenstein heute ein Stück frühneuzeitlicher Kulturlandschaft erlebt werden. Die ältesten Bäume im Eichenwytwald Wildenstein sind über 500 Jahre alt!

Vielfältige Lebensgemeinschaft

Als Naturschutzgebiet ist Wildenstein besonders für seinen Eichenhain bekannt, der ein wichtiger Lebensraum für den Eichenbock, den Hirschkäfer und zahlreiche weitere Insektenarten ist. Manche der vielen vorhandenen Flechtenarten konnten sich nur dank der allzeit extensiven Nutzung des Eichenhains entwickeln. Sie gedeihen nur auf sehr alten Bäumen. Daneben beherbergt der Wytwald Wildenstein eine grosse Zahl von Pilz- und teils seltenen Vogelarten.

Hardwald: Vom Schwein zum Trinkwasser

Der Hardwald in Muttenz wurde seit dem 16. Jh. als wichtiger Weidewald Basels sowie als Eichenbestand für die Eichelmast gepflegt. Letztere war so wichtig, dass Gesetze zur Bestrafung von Eicheldiebstahl erlassen wurden. Die Eichelmast verlor auch in Basel an Bedeutung, und nach der Abschaffung des allgemeinen Waldgangs, also dem Recht auf freie Beweidung der Wälder, im Jahr 1835 wurden die Weideflächen zusehends von dichterem Wald zurückerobert. Der Hardwald wurde danach als Nieder- und Mittelwald zur Brennholzproduktion genutzt. Heutzutage besteht seine zentrale Rolle in der Trinkwasseraufbereitung durch Sickerreinigung und in der Erholung. Eichen werden weiterhin gefördert: als Futterbäume des bedrohten Mittelspechts, der hier vorkommt.
DK / MS

Verwandte Themen

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Weiterführende Links

Literatur

  • Gallandat Jean-Daniel: Die Wytweide – eine bedrohte Kulturlandschaft. In: Hintermann Urs et al. (Hrsg.), Mehr Raum für die Natur. Ziele, Lösungen, Visionen im Naturschutz, Ott Verlag, Thun 1995.
  • Küchli Christian: Auf den Eichen wachsen die besten Schinken – Zehn intime Baumporträts. AT Verlag, Aarau 2000.
  • Landolt Elias: Der Wald. Seine Verjüngung, Pflege und Benutzung. Schweizerischer Forstverein, Zürich 1877.
  • Lüthi Roland: Wildenstein. Exkursionsführer durch Naturschutzgebiete des Kantons Basel-Landschaft, Heft 3, Liestal 2002.
  • Meier-Küpfer Hans: Florenwandel und Vegetationsveränderungen in der Umgebung von Basel seit dem 17. Jahrhundert (= Beiträge zur geobotanischen Landesaufnahme der Schweiz, Heft 62), 2 Bde., Flück-Wirth, Teufen 1985.
  • Meier-Küpfer Hans: Pflanzenkleid im Wandel – Entwicklung in und um Basel seit 1600. Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft Basel 102/1, S. 133–174, Basel 1992.
  • Naturforschende Gesellschaft in Basel / Naturforschende Gesellschaft in Baselland (Hrsg.): Naturschutzgebiet Wildenstein. Kanton Basel-Landschaft. Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaften beider Basel, Bd 7, Liestal 2003.